Nachts betreue ich ein altes Ehepaar, beide weit über 90 Jahre alt… Jedesmal, wenn ich mich auf meinem Rundgang ins Zimmer schleiche, liegen die beiden Hand in Hand im Bett… nach über 70 Jahren Ehe. Sie hatten gute Jahre, ein Haus und eine Existenz aufgebaut, Kinder bekommen und die Zukunft erlebt von der sie mit 16 geträumt haben… Sicher hatten sie schwere Zeiten, haben Krieg, und Gefangenschaft erlebt und den zermürbenden Alltag überlebt… aber sie sind zusammen… Heute wie damals. In guten wie in schlechten Tagen.
Ich hatte eigentlich gedacht, dass ich mit dem Vergehen der Zeit an diesem speziellen Tag besser mit meinen Emotionen zurecht komme, der Schmerz weniger wird oder die Trauer nachlässt… Aber es ist nicht so. Bei jedem Datumseintrag, den ich heute Nacht auf Arbeit mache, tut es weh nicht mit ihm feiern zu können… nicht zu erleben wie er älter wird… nicht zu sehen, wie er sich verändert…
Ich bin so unglaublich neidisch auf die beiden alten Leute…
In meiner arbeitgebenden Einrichtung bemühen wir uns redlich darum unsere Pflegebedürftigen irgendwie bei Laune zu halten. Offiziell heißt das Demenzbetreuung, ich bevorzuge dafür den Ausdruck Bewohnerbespassung. Was aber passiert im Laufe einer solchen Schicht, die unfassbarerweise von 15 bis 22 Uhr dauert? Eine Frage, die sicher diejenigen gerne beantwortet hätten, die ihr Geld in die Pflege ihrer Eltern investieren…
15.00 Uhr: Arne und Ivy treten ihren Dienst an, sammeln Piepser, Diensthandys und Schlüssel ein und betreten die Wohnküche. Rund zehn ältere und schwer Demenzkranke erwarten ihren Auftritt.
15.05 Uhr: Arne spendiert erst mal allen eine Runde Pampers Inkontinenzmaterial, während Ivy versucht Herrn S. zu erklären, dass der Holztisch keine Einreibung mit Joghurt benötigt. Nebenbei stellt sie die Klimaanlage neu ein, die Frau F. gutmeinend auf arktisch gedreht hat.
15.45 Uhr: Nach etwa zwanzig erfolglosen Versuchen Frau S. daran zu hindern, mit ihrem Sprudelglas um den Tisch zu rennen, geben Arne und Ivy auf. Arne beginnt mit den Anwesenden ein Kreuzworträtsel, während Ivy den Schrank mit den CDs und Musikkasseten aufräumt, wobei ihr Frau S. hilft, indem sie alle gelben Kassetten entführt und versteckt.
15.50 Uhr: Arne und Ivy fangen zeitgleich an hysterisch zu lachen.
16.05 Uhr: Arne stellt fest, dass er zu doof für das Rätsel ist und bestellt beim DJ etwas Schlagermusik der 1930er. Ivy, bekennende Liebhaberin schöner Frauen, entscheidet sich für Zarah Leander und Marlene Dietrich. Eine gute Wahl, da nicht nur Arne und Ivy die Lieder auswendig können, sondern auch alle anderen Anwesenden begeistert mitsingen.
16.30 Uhr: Nachdem alle Betreuten sich den Liedern ihrer Jugend hingeben, nutzen Arne und Ivy die Chance vor dem Abendessen noch eine zu rauchen und haben ihren zweiten Lachflash.
16.45 Uhr: Der etwa zwei Tonnen schwere Essenswagen trifft ein, während Ivy Brei in die Schüsseln schöpft und Brote kleinschneidet, sammelt Arne die beiden Bewohner ein, die kurzerhand die geöffnete Feuerschutztüre zur Flucht genutzt haben. Bei der Gelegenheit stellt er fest, dass Frau R. klatschnasse Hosen hat und erledigt das auch gleich, wo ja die Türe eh schon offen steht.
16.55 Uhr: Ivy zieht Frau S. wieder an, die sich mangels pflegerischer Zuwendung entschieden hat, dass Nacktsein im Hochsommer durchaus Vorteile hat. Herr D. hat seine helle Freude daran und kommentiert das Geschehen wie ein professioneller Fussballreporter.Arne und Ivy lachen Tränen.
17.00 Uhr: Alle sind um den großen Esstisch versammelt, bekommen ihr Essenstablett oder ihr Breischüsselchen – übrigens an 365 Tagen im Jahr Grießbrei – und es kehrt kurzzeitig Frieden und Ruhe ein. Arne und Ivy nutzen die Gelegenheit zu klären, wer von beiden genervter ist und zuerst wieder zum Rauchen darf. Arne beißt in den Tisch und gewinnt.
17.15 Uhr: Nachdem alle die selbst essen können versorgt sind, setzt sich Ivy zu Herrn S. und füttert ihn gibt ihm Essen ein. Leider mag er keine Nudelsuppe, also spuckt er alle Nudeln wieder aus. Er mag auch offensichtlich kein Apfelmus. Ivy geht sich umziehen.
17.45 Uhr: Arne bringt den Wagen in die Küche und macht Pause. Ivy unterhält sich mit den Anwesenden über das Wirtschaftswunder und erfährt dabei eine Menge Dinge, die ganz sicher nicht in der Wikipedia stehen. Der erste Italienurlaub, den anscheinend alle in den 1950ern erlebt haben, ist trotz teilweise sehr schwerer Demenz sehr präsent, also sucht sie die CD mit den italienischen Schlagern aus der Zeit.
18.15 Uhr: Arne übernimmt das Gespräch, während Ivy Pause macht.
18.20 Uhr: Frau C. besteht darauf ins Bett gebracht zu werden, lässt sich aber durch Dean Martin und „Volare“ daran hindern.
18.30 Uhr: Arne und Ivy tanzen unter Beifall der Anwesenden Twist und beschliessen zusammen auf eine Fetishparty zu gehen, obwohl sie sich nicht einigen können, wer dann die Frau sein darf. Sie vertagen die Entscheidung auf den nächsten Dienst. Herr D. stellt fest, dass Frau S. verrückt ist, aber er mit ihr gemeinsam im Sitzen tanzen kann.
18:50 Uhr: Die Tanzvorstellung wird mit einem ziemlich heißen Mambo beendet und die Stationspflegekräfte holen die ersten bettreifen Pflegebedürftigen ab.
19.20 Uhr: Ivy gibt den Kampf mit Frau C. auf, die eigentlich bis 20 Uhr aufbleiben soll und bringt sie ins Bett. Arne spielt solange „Mensch ärgere dich nicht“ mit Herr D., Frau S. und Frau F.. Nachdem sich Frau F. sich nicht zielgerichtet bewegen kann, bewegt Arne ihre Spielfiguren, was Herr D. seltsam findet und Betrug wittert. Während der Debatte darüber verschwinden alle gelben Spielfiguren.
20.00 Uhr: Herr S. darf ein bisschen fernsehen damit er müde wird. Frau S. wird beauftragt, einen Stapel Servietten zusammen zu falten, während Arne und Ivy die Küchenzeile aufräumen. Herr D. wird auf die Station abgeholt und bedankt sich für den netten Abend bei der Kellnerin. Leider ohne Trinkgeld zu geben.
20.10 Uhr: Arne stellt fest, dass die höchst mobile Frau W. verschwunden ist und macht sich auf die Suche.
20.30 Uhr: Frau W. ist wieder aufgetaucht, natürlich zwei Minuten nachdem Ivy die Polizei angerufen hat und einen Anschiß kassiert hat, weil sie nicht wußte, was für eine Farbe Frau W.s Hosen hatten.
20.32 Uhr: Ivy ruft nochmal die Polizei an und bläst die Suche ab. Der Polizist lacht sich halbtot, während Ivy drauf und dran ist, einen Beamten zu beleidigen.
20.45 Uhr: Arne bringt Herr S. ins Bett, nachdem er von Ivy daran gehindert wurde, die dauerplappernde frühere Lehrerin Frau S. zu erwürgen, die versucht hatte ihm eine Strafarbeit aufzugeben. Er muss stattdessen nachsitzen.
21.12 Uhr: Ivy muss 50 Mal: „Ich muss immer eine Strickjacke tragen.“ an die Tafel schreiben. Frau F. kichert das erste Mal seit Wochen. Ivy setzt sich in einen Rollstuhl und schmollt.
21.30 Uhr: Arne und Ivy streiten darum, wer Frau S. ins Bett bringen muss. Nachdem Ivy 20 Zentimeter kleiner ist, gibt sie nach. In Frau S. Unterwäsche tauchen dann die vermissten gelben Spielfiguren wieder auf.
21.47 Uhr: Alle Betreuten sind im Bett, Arne und Ivy räumen das Wohnzimmer auf, plaudern, desinfizieren alles was gelb ist und dokumentieren alle pflegerelevanten Ereignisse.
21.59 Uhr: Feierabendzigarette und die Feststellung, dass das ein verdammt ruhiger Tag war.
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Zur Kenntnisnahme für diejenigen, die für diese Art der Betreuung bezahlen: Üblicherweise wird diese Aufgabe von einem einzelnen Mitarbeiter erledigt. In den seltensten Fällen handelt es sich dabei um examinierte und erfahrene Pflegekräfte.
Mit einem tiefen Knicks und einer Verbeugung… Arne und Ivy
Man darf sich bei den Liedern meiner Pubertät gelegentlich durchaus fragen, wie aus uns eigentlich was werden konnte… also zumindest bei denen, die überhaupt ein ansatzweise lebensfähiges Konzept entwickelt haben… denn um ehrlich zu sein, wir waren 1985 überwiegend mit Tanzen, Feiern und grauenhaften Klamotten beschäftigt. Und ja, ich hab auch getanzt – mehr noch, ich habe mindestens 5 Paar der Schuhe aus diesem Video getragen. High Heels natürlich nur mit gestreiften Kniestrümpfen. Ich hab ja Klasse.
Schon als Kind mochte ich es nicht, wenn mir Menschen – und damit meine ich ganz dezidiert auch meine Mutter samt Spucke bewehrtem Taschentuch – ins Gesicht oder in die Haare fassen. Generell akzeptiere ich es nicht, wenn Menschen, die mir nicht vertraut sind, mich anfassen. Leider bin ich mit der Optik und Aura eines überaus flauschigen Plüschkaninchens gestraft… was regelmäßig für Verwirrung sorgt, wenn sich herausstellt, das das kleine Häschen, das man nur mal streicheln wollte, nicht nur sehr kehlig knurren kann, sondern auch über eine ganze Reihe überaus spitzer Zähnchen verfügt…
Normalerweise stellt sich das Problem im Alltagsleben ja nicht… aber gerade beim Friseur kollidiert meine Aversion gegen Berührungen überproportional häufig mit den beruflichen Bedürfnissen desselben. Glücklicherweise hat der Mann einen Narren an mir gefressen… Nach einigen Besuchen, durch die Gegend geflogenen Haare-aus-dem-Gesicht-wisch-Pinseln und etlichen sehr heftigen Diskussionen mit wohlmeinenden Azubis, die grade die Kopfmassage üben, sind mein Friseur und ich in eine Art Waffenstillstand getreten. Vor allem deshalb, weil er sich angewöhnt hat, meine Haare mit einer Art Non-Touch-Technik zu schneiden und mich mit Keksen vollzustopfen, damit das Knurren aufhört.
Aber heute hat er sich tatsächlich selbst übertroffen… neben Sekt, Kaffee und den obligatorischen Ivy-Keksen hat er eine CD aufgenommen… nur für mich… und als er mit einem entzückenden Arschwackeln und seiner Schere fuchtelnd zu den Tönen von „U can’t touch this“ auf mich zuhüpfte, war ich vor Lachen so abgelenkt, dass er mir diesmal tatsächlich die Haare machen konnte, ohne auch nur ansatzweise um sein Leben zu fürchten…
Als kleine Rache hat er mir einen ziemlich kurzen Pagenkopf geschnitten… in kirschrot… bei dem meine Haare noch plüschiger wirken als sonst. Wie er zugibt, in der Hoffnung, dass ich nicht so bald wieder komme, weil meine Haare mindestens drei Monate brauchen werden um nachzuwachsen. Aber ganz ehrlich… diese kleine Gehässigkeit hat er sich nach 2 Jahren wirklich redlich verdient…
Es wächst ja wieder. Leider.
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Für dich, M. – den besten und geduldigsten Friseur der Welt
Keine Frage, es macht einen deutlichen Unterschied im Spannungsbogen, ob man ein erotisches Szenario mit Schlagermusik oder Ravel unterlegt… aber wieso nicht mal handgemachte Musik mit nachvollziehbaren Texten versuchen? Alternatives gibts von Go Cat Dave… den ich nicht nur SMlern wärmstens an Herz legen möchte… Fuck conformity.
What ?