In meiner arbeitgebenden Einrichtung bemühen wir uns redlich darum unsere Pflegebedürftigen irgendwie bei Laune zu halten. Offiziell heißt das Demenzbetreuung, ich bevorzuge dafür den Ausdruck Bewohnerbespassung. Was aber passiert im Laufe einer solchen Schicht, die unfassbarerweise von 15 bis 22 Uhr dauert? Eine Frage, die sicher diejenigen gerne beantwortet hätten, die ihr Geld in die Pflege ihrer Eltern investieren…
15.00 Uhr: Arne und Ivy treten ihren Dienst an, sammeln Piepser, Diensthandys und Schlüssel ein und betreten die Wohnküche. Rund zehn ältere und schwer Demenzkranke erwarten ihren Auftritt.
15.05 Uhr: Arne spendiert erst mal allen eine Runde Pampers Inkontinenzmaterial, während Ivy versucht Herrn S. zu erklären, dass der Holztisch keine Einreibung mit Joghurt benötigt. Nebenbei stellt sie die Klimaanlage neu ein, die Frau F. gutmeinend auf arktisch gedreht hat.
15.45 Uhr: Nach etwa zwanzig erfolglosen Versuchen Frau S. daran zu hindern, mit ihrem Sprudelglas um den Tisch zu rennen, geben Arne und Ivy auf. Arne beginnt mit den Anwesenden ein Kreuzworträtsel, während Ivy den Schrank mit den CDs und Musikkasseten aufräumt, wobei ihr Frau S. hilft, indem sie alle gelben Kassetten entführt und versteckt.
15.50 Uhr: Arne und Ivy fangen zeitgleich an hysterisch zu lachen.
16.05 Uhr: Arne stellt fest, dass er zu doof für das Rätsel ist und bestellt beim DJ etwas Schlagermusik der 1930er. Ivy, bekennende Liebhaberin schöner Frauen, entscheidet sich für Zarah Leander und Marlene Dietrich. Eine gute Wahl, da nicht nur Arne und Ivy die Lieder auswendig können, sondern auch alle anderen Anwesenden begeistert mitsingen.
16.30 Uhr: Nachdem alle Betreuten sich den Liedern ihrer Jugend hingeben, nutzen Arne und Ivy die Chance vor dem Abendessen noch eine zu rauchen und haben ihren zweiten Lachflash.
16.45 Uhr: Der etwa zwei Tonnen schwere Essenswagen trifft ein, während Ivy Brei in die Schüsseln schöpft und Brote kleinschneidet, sammelt Arne die beiden Bewohner ein, die kurzerhand die geöffnete Feuerschutztüre zur Flucht genutzt haben. Bei der Gelegenheit stellt er fest, dass Frau R. klatschnasse Hosen hat und erledigt das auch gleich, wo ja die Türe eh schon offen steht.
16.55 Uhr: Ivy zieht Frau S. wieder an, die sich mangels pflegerischer Zuwendung entschieden hat, dass Nacktsein im Hochsommer durchaus Vorteile hat. Herr D. hat seine helle Freude daran und kommentiert das Geschehen wie ein professioneller Fussballreporter.Arne und Ivy lachen Tränen.
17.00 Uhr: Alle sind um den großen Esstisch versammelt, bekommen ihr Essenstablett oder ihr Breischüsselchen – übrigens an 365 Tagen im Jahr Grießbrei – und es kehrt kurzzeitig Frieden und Ruhe ein. Arne und Ivy nutzen die Gelegenheit zu klären, wer von beiden genervter ist und zuerst wieder zum Rauchen darf. Arne beißt in den Tisch und gewinnt.
17.15 Uhr: Nachdem alle die selbst essen können versorgt sind, setzt sich Ivy zu Herrn S. und füttert ihn gibt ihm Essen ein. Leider mag er keine Nudelsuppe, also spuckt er alle Nudeln wieder aus. Er mag auch offensichtlich kein Apfelmus. Ivy geht sich umziehen.
17.45 Uhr: Arne bringt den Wagen in die Küche und macht Pause. Ivy unterhält sich mit den Anwesenden über das Wirtschaftswunder und erfährt dabei eine Menge Dinge, die ganz sicher nicht in der Wikipedia stehen. Der erste Italienurlaub, den anscheinend alle in den 1950ern erlebt haben, ist trotz teilweise sehr schwerer Demenz sehr präsent, also sucht sie die CD mit den italienischen Schlagern aus der Zeit.
18.15 Uhr: Arne übernimmt das Gespräch, während Ivy Pause macht.
18.20 Uhr: Frau C. besteht darauf ins Bett gebracht zu werden, lässt sich aber durch Dean Martin und „Volare“ daran hindern.
18.30 Uhr: Arne und Ivy tanzen unter Beifall der Anwesenden Twist und beschliessen zusammen auf eine Fetishparty zu gehen, obwohl sie sich nicht einigen können, wer dann die Frau sein darf. Sie vertagen die Entscheidung auf den nächsten Dienst. Herr D. stellt fest, dass Frau S. verrückt ist, aber er mit ihr gemeinsam im Sitzen tanzen kann.
18:50 Uhr: Die Tanzvorstellung wird mit einem ziemlich heißen Mambo beendet und die Stationspflegekräfte holen die ersten bettreifen Pflegebedürftigen ab.
19.20 Uhr: Ivy gibt den Kampf mit Frau C. auf, die eigentlich bis 20 Uhr aufbleiben soll und bringt sie ins Bett. Arne spielt solange „Mensch ärgere dich nicht“ mit Herr D., Frau S. und Frau F.. Nachdem sich Frau F. sich nicht zielgerichtet bewegen kann, bewegt Arne ihre Spielfiguren, was Herr D. seltsam findet und Betrug wittert. Während der Debatte darüber verschwinden alle gelben Spielfiguren.
20.00 Uhr: Herr S. darf ein bisschen fernsehen damit er müde wird. Frau S. wird beauftragt, einen Stapel Servietten zusammen zu falten, während Arne und Ivy die Küchenzeile aufräumen. Herr D. wird auf die Station abgeholt und bedankt sich für den netten Abend bei der Kellnerin. Leider ohne Trinkgeld zu geben.
20.10 Uhr: Arne stellt fest, dass die höchst mobile Frau W. verschwunden ist und macht sich auf die Suche.
20.30 Uhr: Frau W. ist wieder aufgetaucht, natürlich zwei Minuten nachdem Ivy die Polizei angerufen hat und einen Anschiß kassiert hat, weil sie nicht wußte, was für eine Farbe Frau W.s Hosen hatten.
20.32 Uhr: Ivy ruft nochmal die Polizei an und bläst die Suche ab. Der Polizist lacht sich halbtot, während Ivy drauf und dran ist, einen Beamten zu beleidigen.
20.45 Uhr: Arne bringt Herr S. ins Bett, nachdem er von Ivy daran gehindert wurde, die dauerplappernde frühere Lehrerin Frau S. zu erwürgen, die versucht hatte ihm eine Strafarbeit aufzugeben. Er muss stattdessen nachsitzen.
21.12 Uhr: Ivy muss 50 Mal: „Ich muss immer eine Strickjacke tragen.“ an die Tafel schreiben. Frau F. kichert das erste Mal seit Wochen. Ivy setzt sich in einen Rollstuhl und schmollt.
21.30 Uhr: Arne und Ivy streiten darum, wer Frau S. ins Bett bringen muss. Nachdem Ivy 20 Zentimeter kleiner ist, gibt sie nach. In Frau S. Unterwäsche tauchen dann die vermissten gelben Spielfiguren wieder auf.
21.47 Uhr: Alle Betreuten sind im Bett, Arne und Ivy räumen das Wohnzimmer auf, plaudern, desinfizieren alles was gelb ist und dokumentieren alle pflegerelevanten Ereignisse.
21.59 Uhr: Feierabendzigarette und die Feststellung, dass das ein verdammt ruhiger Tag war.
.
Zur Kenntnisnahme für diejenigen, die für diese Art der Betreuung bezahlen: Üblicherweise wird diese Aufgabe von einem einzelnen Mitarbeiter erledigt. In den seltensten Fällen handelt es sich dabei um examinierte und erfahrene Pflegekräfte.
Mit einem tiefen Knicks und einer Verbeugung… Arne und Ivy

Und am Ende taucht wieder dieses Wort auf… schlüpfrig… ist das ein schlüpfrig im Sinne von feucht, glitschig, nass? Dann könnte ich vielleicht ja doch eine Meinung dazu haben… oder zumindest eine weitere Assoziation, die sich aber gesellschaftskonform als etwas unangemessen erweisen dürfte… Wenn es um die Wäsche geht – den guten alten Schlüpfer – dann will ich gar nicht drüber nachdenken, was mir dazu für Bilder in den Kopf kommen… Ein Grund wieso diese Frivol-Sache nach dieser Herleitung auf mich nicht zutreffen kann, erschliesst sich aber daraus… meine Leidenschaft für Dessous… ich würde in etwas, dass man als Schlüpfer bezeichnet, nicht mal begraben werden wollen. Ganz sicher nicht.
Wenn ein Mann erst vier Getränkekisten und dann zwei Kindersitze auslädt und dann mit Tränen in den Augen die Butterkekskrümel aus dem Polster seines Kombis pickt, dann hat man einen „Familienvater“ entdeckt. Nicht nur die unsäglichen Namensaufkleber an der Heckscheibe verraten ihn, sondern auch die wohl langsamsten Bewegungen in der Waschstraßenwelt. Er ist nicht müde oder traurig, nein… er versucht die Zeit fernab seiner zwei greinenden Kleinkinder und seiner Frau möglichst lange auszudehnen… er ist in seinem persönlichen Paradies. Sprich ihn nicht an, er wird sowieso keinen Kopf für eine Affäre haben – es sei denn du willst die halbe Nacht über Windelschorf reden.
Das meine Mom zu der Wohnung meinte: „Naja… irgendwie passt sie zu dir… und vermutlich nur zu dir“, tut meiner Freude keinen Abbruch. Sie denkt allerdings, das ein Wohnumfeld in dem viele Ausländer wohnen eher suboptimal ist… sie hat sich weitere Bemerkungen nach meinen Hinweis auf meine Staatsbürgerschaft klugerweise verkniffen… das sie so ihre eigenen Ansichten dazu hat, das man freiwillig im Erdgeschoß in einer „terroristenverseuchten Gegend“ lebt, konnte sie allerdings nicht verheimlichen. Auch nicht das sie drei Meter hohe Räume, die mit insgesamt nur einem Heizkörper beheizt werden, eher unwirtschaftlich findet. Das die komplette Wohnung renovierungsbedürftig ist, brauche ich an dieser Stelle wohl kaum zu erwähnen…











What ?