Ficken war ja wichtiger…

Die Meisten kennen das Sterben an Aids nur aus ‚Philadelphia‘ und sind von dem Anblick eines leidenden Tom Hanks und des genauso leidenden Antonio Banderas zutiefst betroffen. Das ist gut so, aber es sollte auch klar sein, dass das es dort nicht endet. Täglich sterben Menschen an Aids, selten unter so günstigen Umständen. Weltweit bereits über 25 Millionen Menschen und täglich infizieren sich neue – Männer, Frauen und Kinder.

Mein Schlüsselerlebnis mit Aids war ein sehr intensives Gespräch, dass ich nachts mit einem meiner Patienten geführt habe. Er sagte: „Was mich am meisten an der ganzen Scheiße ankotzt, ist dass ich etwas hätte tun können… ich müsste nicht hier liegen und sterben, wenn ich nicht so ein Idiot gewesen wäre. Aber Ficken war ja wichtiger“

Ficken war ja wichtiger… mein erster Gedanke war, mir kann das ja nicht passieren, ich bin seit Jahren in der SM-Szene, das gehört als Femdom nicht zu meinen zentralen Themen. Meine Praktiken haben damit ja nur am Rande zu tun. Treue ist in den meisten Fällen eine Illusion, aber nachdem ich offen und offensiv damit umgehe, kann mir ja nichts passieren. Ich bin sicher.

Aber wie sicher bin ich wirklich ? Was kann ich tun um sicher zu gehen… wer erklärt mir, wie ich mich bei außergewöhnlichen Praktiken schütze ? Wieso sollten SM-ler sicherer sein ? Wir bewegen uns oft sehr fröhlich und neugierig in Grenzbereiche, aber sind wir uns wirklich darüber bewusst was wir tun ? Wie risikoreich ist es, wenn man beim Cutting in direkten, ungeschützten Kontakt mit Blut kommt, was wenn man sich beim Nadeln sticht, was ist wenn…

Niemand ist sicher… auch ich nicht, du nicht, er und sie auch nicht. Egal ob Blümchensex oder Hardcore-SM. Das ist aber kein Grund auf Sex, Spaß und Grenzbereiche zu verzichten. Es gibt Mittel und Wege sich zu schützen, es gibt Vorsichtsmaßnahmen, die nicht jegliche Libido abtöten, es gibt sogar Möglichkeiten diese Vorsicht spielerisch und lustvoll einzubeziehen. Es gibt Menschen, die einem ohne Vorbehalte und Vorurteile erklären wie man damit umgehen kann.

Seit ich mich das erste Mal bei meinem Job mit einer potentiell infektiösen Nadel gestochen habe und nicht nur voller Angst meine Testergebnisse abgewartet hab und ganz brav meine Postexpostionspropylaxe durchgezogen hab, weiß ich dass Aids eine Realität ist… wir müssen das aber nicht ohne weiteres hinnehmen, sondern haben Mittel dagegen anzukämpfen…

Auch wenn Aids nicht heilbar ist, wir können Aids die Macht nehmen, in dem wir die Ausbreitung verhindern. Aufklärung, gesunder Menschenverstand und ein offener, toleranter Umgang mit unserer eigenen und der Sexualität anderer kann helfen…

Philadelphia gucken, Taschentücher vollrotzen und Springsteen hören wird wohl nicht reichen…

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Diese Menschen beziehen auf ihre Art und Weise Stellung zu Aids:

Zeniscalm: Mensch denk nach
Art of Pain: Weltaidstag
Sprechblase: Habt Spass, seid vorsichtig

Büroblogger: Welt-AIDS-Tag
Jooochen: Weltaidstag
Just4fun: Sextipps von der Mutter
Snap:
WeltAIDStag!
Das blonde Alien: Von Aids, der WAA und 20 Sekunden blankem Horror

11 Gedanken zu “Ficken war ja wichtiger…

  1. Ivy schreibt:

    Wäre schlimm, wenn man das müsste… Tod und Sterben sind für mich essentiell und gehören zu meinem Job, dass kann ich nicht verdrängen, ich will es auch nicht… bei einem eingewachsenen Fußnagel würde ich das tendenziell aber auch tun 😉

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  2. MuGo schreibt:

    So aus reinem Interesse (als Ex-Zivi im Hospiz hört man beim Thema Tod ja doch immer ein bisschen mehr auf): Arbeitest du im Krankenhaus oder doch in einer spezialisierten Einrichtung?

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  3. MuGo schreibt:

    Na, je älter man wird umso häufiger wird man damit schließlich auch konfrontiert; da fällt es automatisch schwer, es sich vom Leib zu halten. Und dann noch mit deiner persönlichen Biografie…

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