Flötentöten

Entgegen aller Mutmaßungen lebe ich nicht im pulsierenden Zentrum der Metropole Stuttgart, sondern in einer kleinen, beschaulichen Strasse am Rande Stuttgarts. Kittelschürzen und Tratsch am Gartenzaun sind hier, wo die Welt noch in Ordnung ist, nicht die Ausnahme, sondern die Regel…

Jetzt aber ist ein frisch verheiratetes Pärchen in unsere biedere Nachbarschaft, genauer gesagt, uns gegenüber eingezogen. Eigentlich passen die beiden Menschlein prima hierher, bevor irgendwas in der Wohnung stand war schon der Balkon angepflanzt, sie haben Vorhänge, aber keine die nach Heimlichkeit riechen und auch sonst kein Leben. Ein christlich-besinnliches, ungemein langweiliges Pärchen eben… wenn da nicht diese Flöte wäre…

Tag und Nacht übt der neue Mann von nebenan Flöte. Kein Nachbar weiß wieso er das tut, aber er tut es… er tut es auch vorzugsweise bei geöffneten Fenstern, Flöte spielen verbraucht vermutlich viel Sauerstoff und nachdem das junge Glück keine Glotze besitzt und anscheinend auch kein Sexualleben, übt er verdammt viel.

Und mit Üben meine ich üben… nicht etwa klassische Melodien oder wenigstens mal eine komplette Partitur… nicht doch… Nur Tonleitern: Aufsteigend, absteigend, jeder zweite Ton, jeder dritte Ton, mal in Moll und mal in Dur. Klingt abwechslungsreich… aber nach so ein bis zwei Tagen und geschlagenen 16 Stunden Flöte flöten verliert es durchaus seinen Reiz. Zumindest für mich. Für ihn leider nicht.

Inzwischen halluziniere ich Tonleitern, ich träume sie. Ich sehe die Noten vor mir, wie sie aus der Flöte perlen und wachsen und wuchern und bedrängend auf mich zufliegen… die ersten Alpträume lang stand ich ihnen hilflos ausgeliefert gegenüber, aber inzwischen habe ich herausgefunden, dass geträumte Noten wunderbar ausbalanciert sind… wie Baseballschläger. Und in dem Moment, in dem mein Baseballschlägernotenschlüssel das Gesicht des Herren Flötisten trifft, erklingt nach dem sanften Zerplatzen seines Schädels nur noch ein Geräusch:

Völlige Ruhe.

6 Gedanken zu “Flötentöten

  1. princo schreibt:

    Ähem, ja genau. Ich liebe diese bildlichen Beschreibungen.
    Ich kann zwar keinen Flötisten aufbieten, aber ich möchte noch den auf 9 Uhr eingestellten Radiowecker beisteuern, dessen Bedienmannschaft für vier Wochen nach Malle versetzt wurde, und der jeden Tag durch das angekippte Fenster sein einstündiges MÖÖÖP, MÖÖÖP, MÖÖÖP in die Welt hinausbrüllt.
    Wieviele Dosen Bauschaum braucht es, um eine Wohnung durch den Briefschlitz komplett zu silencen?

    Gefällt mir

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