Memorial Day

Heute ist Memorial Day… der traditionelle Beginn der Sommersaison in Amerika und gleichzeitig der Tag an dem Amerika denjenigen gedenkt, die nicht lebend aus den Kriegen zurückkehrten. Für die Deutschen, die – auch wenn sie es nicht gerne zugeben – ebenfalls einen Hang zur Pathetik haben, oft eine merkwürdige Kombination. Wie kann man denn einerseits einen Tag der Trauer und der Erinnerung an die Gefallenen widmen und zugleich die Picknicksaison eröffnen. Aber beides hat seine Berechtigung… wir feiern, vielleicht unbewusst, die Tatsache am Leben zu sein, ohne diejenigen zu vergessen, die nach amerikanischem Verständnis für den Erhalt unserer persönlichen Freiheit gestorben sind.

Es ist für mich der Tag, an dem ich mich an diejenigen erinnere, mit denen ich seit meinem Ausflug ins amerikanische Militär befreundet bin… einige von ihnen sind in irgendwelchen unwichtigen und unaussprechlichen Sandhügeln gestorben. Für Kriege deren Zweck sich den meisten von ihnen entzogen hat. Sie litten unter Heimweh, Angst, waren traumatisiert und desillusioniert… und haben trotzdem nie den Glauben an ein höheres Ziel und einem Sinn ihrer Aufgabe verloren, so unwirklich mir das erscheinen mag.

Einem von ihnen möchte ich heute etwas sagen… Steve,  rotblond wie seine irisch-schottischen Vorfahren, mit leuchtend blauen Augen, ein hinreißender Kleiderschrank mit gut zwei Metern und zu meinem tiefen Bedauern Berufssoldat. Vermutlich traut sich heute keiner mehr den Colonel des Marine Corps ganz unformell Stevie zu nennen, aber er war die Kindergartenliebe meines Lebens, ich habe keinen Respekt vor seinem martialischen Auftreten und seinen lustigen kleinen Ordenschildchen. Seit rund 20 Jahren ist der bärbeißige Kerl nun schon unterwegs in Sachen Krieg, er hat sich auf den Schlachtfeldern des Golfs hochgedient und in nicht allzu ferner Zeit wird er Brigadegeneral werden – falls er überlebt.

Wir sind zusammen aufgewachsen, haben unsere kleinen Geheimnisse geteilt. Er war der Mann der mir meinen ersten Ring geschenkt hat, selbst gemacht aus Kaugummipapier. Wir haben zusammen Flusskrebse gefangen, er hat mir beigebracht Skateboard zu fahren und ich habe ihm Ketten aus Gänseblümchen umgehängt. Schon damals wollte er nichts anderes tun, als seinem Land zu dienen und eines Tages ein berühmter General zu werden – genau wie die anderen Männer in seiner Familie Soldat zu sein. Und was haben wir deswegen gestritten…

Dieser wundervolle und tiefsinnige Mann, der seinen Traum lebt, zauberhafte Gedichte schreibt und mir meine moralische Unzulänglichkeit sowie meinen Pazifismus mit einem strahlenden Lächeln vergibt… dieser Mann leidet… er leidet wie ein Hund. Er hat in seiner Tasche ein kleines dreckverkrustetes Büchlein, das er seit zwanzig Jahren mit sich herumschleppt. In diesem Buch stehen Namen. Dutzende, vielleicht sind es schon Hunderte. Jeder einzelne Mann, jede einzelne Frau, die in seiner Einheit und unter seinem Kommando gefallen sind, seine persönlichen Freunde aus anderen Einheiten… er listet sie akribisch auf. Er hat Angst auch nur einen von ihnen zu vergessen… zu vergessen, was sie ausgemacht hat, wer sie waren, wie sie lachten, woher sie kamen und wie sie gestorben sind. Jedes Jahr am Memorial Day sucht er sich einen ruhigen Ort und liest diese Namen laut vor, jeden einzelnen.

Vor kurzem hat er mich gefragt, ob ich eines Tages seinen Namen am Memorial Day laut aussprechen werde. Ob ich ihm verzeihen werde, weil er in meinen Augen den falschen Weg geht, ob ich trotzdem verstehe, dass er an das glaubt was er tut. Ob ich ihn vergessen werde…

Stevie…  I will always hate your job and your unbroken faith in military power, but… I will never forget your gorgeous smile, your magnanimity, the pride in your face as you showed me your tatoo, sitting on your lap and feeling very small. Drinking wine cooler on the porch, playing poker, winning your dog tag, missing friends. Countless letters and mails. A warm and loving feeling thinking of you… please take care.

Semper Fidelis my friend, God bless you.

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5 Gedanken zu “Memorial Day

  1. Pingback: Twitted by 63mg
  2. Ivy schreibt:

    Die Geschichte seines Büchleins wollte ich wenigstens einmal erzählen und der Memorial Day passte grade so gut, Patriotismus liegt mir sonst nicht so…

    Und das ist ein wirklich klasse Posting… Danke für das Lesevergnügen 😀

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