Geschichten aus der Wählergruft

Dieses Blog bleibt weiterhin unpolitisch, aber bei der häuslichen Diskussion über die gestrigen Wahlergebnisse erinnerte mich eine Bemerkung an ein merkwürdiges Vorgehen innerhalb des bundesdeutschen Wahlkampfes in grauer Vorzeit. Eine kleine, quasi verjährte Geschichte, an die ich schon ewig nicht mehr gedacht habe, aber die ich sicher nicht unerzählt mit ins Grab nehmen möchte.

Genau genommen reden wir über die Bundestagswahl anno 1994. Zumindest ist das die letzte Wahl, bei er es meiner Erinnerung nach solche Vorkommnisse gab. Angeblich war früher alles besser, natürlich auch der Wahlkampf, der so viel sauberer und medial weniger spektakulär geführt wurde als in anderen Ländern. Damals zogen fröhliche und motivierte Jungpolitiker durchs Land, nicht nur auf Hausbesuch, sondern sie beglückten auch gerne die Alten- und Pflegeheime dieser großen wahlbereiten Nation. Es gab auch in der guten alten Zeit wahlberechtigte demente oder verwirrte Menschen, die nicht wirklich so ganz auf der Höhe des tagesaktuellen Zeitgeschehens waren. Oder sich sicher waren, dass dieser Helmut Kohl der angeheiratete Neffe von der netten Frau Häberle aus der Vorstadt sei.

Es war x-falsch-kreuz-nr--clip-art_425458im Prinzip eine heldenhafte Tat eben jene Menschen auf den neuesten Stand zu bringen. Hilfsmittel dazu waren neben Geduld und Engelszungen auch reichlich Kaffee, Kuchen und ein Gläschen Sekt. Und natürlich die Briefwahlunterlagen. Sicher war es eine nur von Nächstenliebe geprägte Tat, jene verwirrenden Zettelchen gemeinsam mit den alten Leutchen auszufüllen, ihnen genau zu zeigen, wo die Kreuzchen zu machen sind oder auch mal die Hand zu führen. Selbstverständlich waren sich die jungen Wahlhelfer auch nicht zu schade, die korrekt ausgefüllten Unterlagen in die Umschläge zu packen und höchstpersönlich zu verschliessen. Inklusive der tief empfundenen Dankbarkeit der dementen Fraktion, die zwar nicht verstanden hat, wieso das wichtig war, aber der klar war, dass die entzückenden jungen Leute ihnen bei was wirklich Schwierigem geholfen hatten.

Eine wunderbare Sache… wäre da nicht der Zehner gewesen, den die Pflegekräfte zugesteckt bekamen, um nichts weiter zu tun, als konzentriert aus dem Fenster zu sehen. Irgendwie hatte ich dabei kein wirklich gutes Gefühl und hab dankend abgelehnt – vielleicht habe ich das mit der Demokratie aber nur völlig falsch verstanden. Damals.

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