SSC, RACK oder doch lieber PRICK?

BDSMler haben einen Akronymfetisch, vielleicht geboren aus dem Wunsch sich abzugrenzen und irgendwas Besonderes sein zu wollen. Warum auch immer. Ein ganz lieber Neuling auf dem Spielplatz sexueller Absonderlichkeiten fragte mich kürzlich via Mail nach dem Unterschied zwischen SSC und RACK und wo ich mich selbst da sehe. Nicht das man das nicht auch an beliebiger Stelle im Internet nachlesen könnte, aber nach Jahren der Selbstverständlichkeiten lohnt sich die eigene Auseinandersetzung mit den Grundlagen vielleicht doch. Da hier auch immer wieder Leute ohne oder mit wenig BDSM-Hintergrund mitlesen – was ich wirklich schätze – fang ich mal ganz von vorne an: Alle diese Konzepte stehen für die Abgrenzung einvernehmlicher sexueller Praktiken aus dem BDSM-Bereich zu strafbarer sexueller Gewalt. Sie bilden sozusagen den moralischen Handlungsrahmen der Leidenschaft. Dank dem „Spanner Case“ und „People v. Jovanovic“ ist auch klar, wieso das Sinn macht.

SSC – Safe, sane, consensual

Dieses weitverbreitete und quasi nicht umstrittene Grundkonzept des BDSM entstand irgendwann in den 1980ern, und stammt vermutlich von David Stein, einem schwulen Lederaktivisten. Aber was bedeuten diese Komponenten?

Safe – Sicher: Natürlich wäre es nett, wenn es Sicherheit gäbe, aber Sicherheit ist relativ. Für jede Praktik findet sich bestimmt jemand der diese als sicher empfindet, und bestimmt auch genauso viele, die diese als unsicher empfinden. Jeder der schon mal mit verbundenen Augen vor ein Nachttischchen gelaufen ist und sich den kleinen Zeh gebrochen hat, weiss wovon ich rede. Es heisst schliesslich nicht umsonst Safer Sex und nicht Safe Sex.

Sane – Mit gesundem Menschenverstand: Wird oft mit „gesund“ übersetzt, bedeutet aber in der Ausgangssprache in etwa „geistige Gesundheit“ oder „vernüftig“. Das wird gerne vorausgesetzt, ist aber meiner Ansicht durchaus ein auf Kommunikation basierendes Element und betrifft auch die Eigeneinschätzung der Beteiligten. Aber wie erkennt man die geistige Normalität des anderen? Erinnert mich sehr an „don´t drink and fuck“, was auch richtig ist, aber den Spass gelegentlich unterläuft.

Consensual – Einvernehmlich: Der Schlüssel zur Einvernehmlichkeit ist ebenfalls Kommunikation. Und auch wenn eine Praktik gegen den offensichtlichen Willen des devoten Parts verlangt wird, kann das im Rahmen der individuellen grundsätzlichen Vereinbarung der beiden Partner abgesprochen sein – der gern bemühte Metakonsens.

RACK – Risk-aware consensual Kink

Dieses Akronym wurde 1999 von Gary Switch als Gegenentwurf zu SSC gepostet und entstand aus der Unzufriedenheit heraus, SSC impliziere BDSM könne grundsätzlich sicher und berechenbar sein, ein Glaube der sich in den 1990ern zunehmend verbreitet hatte.

Risk-aware – Risikobewusstsein: Etliche sadomasochistische Praktiken bergen Risiken. Risikobewusstsein, hier ist auch auch die individuelle Risikobewertung gemeint, trägt in diesem Zusammenhang der Tatsache Rechnung, dass Wissen, Können, Erfahrung und Übung potentiell gefährliche Praktiken sicherer machen können, aber auch dass sie nicht risikofrei werden. Finde ich persönlich durchaus eine Überlegung wert, wenn die Risikominimierung sich allerdings in Richtung Wiseman entwickelt, zu dem Lilasumpf ein paar nette Bemerkungen geschrieben hat, ist es mit der Lust auch schnell vorbei.

Consensual – Einvernehmlich: Hatten wir schon, allerdings stellt RACK die Einvernehmlichkeit über die Grundelemente Safe und Sane aus dem SSC, denn ist es ist durchaus möglich, dass eine Praktik hirnrissig, gefährlich und logisch nicht nachvollziehbar ist und dennoch von den Beteiligten, bei denen geistige Gesundheit vorausgesetzt wird, als Riesenspass empfunden wird. Hier würde normalerweise SSC diese unterhaltsame Aktion in die Kellerräume der Unvernunft und Unkalkulierbarkeit verbannen, RACK machts möglich.

Kink – Kink: Eigentlich kaum zu übersetzen, wird gerne schlicht als BDSM übersetzt, entspricht aber in der Bedeutung eher allen alternativen Sexpraktiken, im Englischen wird dafür auch der Begriff „alternative“ oder „special interest“ verwendet.

PRICK – Personal responsibility, informed consensual kink

Ein neuerer Begriff, der seit einiger Zeit vor allem in der englischsprachigen Gemeinde kursiert und die Eigenverantwortung betont. Noch dazu ein nicht ganz anständiges Wort für das primäre männliche Geschlechtsorgen.

Personal responsibility – Persönliche Verantwortung/Eigenverantwortung: Man sollte tatsächlich für die Dinge Verantwortung übernehmen, die man tut. Ich persönlich halte das eher für ein Grundprinzip des Lebens, als das ich das explizit auf die Sexualität beziehen würde. Aber hier schliesst das auch die Verantwortung für die körperlichen, seelischen und emotionalen Folgen des sexuellen Handelns ein. Und dabei ist nicht nur die Wund- und Heilsalbe gemeint, sondern durchaus auch die Eigenverantwortung rechtzeitig Stop zu sagen.

informed – informiert: Bezieht sich im ersten Blick auf das „Fachwissen“ der Beteiligten. Ja, man kann sich eine Menge anlesen, aber die praktische Umsetzung hapert gelegentlich dann doch etwas. Problematisch wird es an Punkten in denen Neuland betreten wird, man weiss nicht wie das Gegenüber reagiert, wenn man etwas Neues ausprobiert. Emotional betrachtet. Mal von noch nicht dianostizierten Krankheiten ganz abgesehen – Himmel, ich rede wie eine Krankenschwester.

Rest siehe oben.

Daneben gibts natürlich noch CCC und SSCF und vermutlich eine ganze Reihe anderer lustiger Buchstabenrätsel. Wer suchet der findet.

Und ich?

Wo steh ich denn nun, mal völlig abgesehen von meiner notorischen Schubladenphobie? Natürlich erkenne ich die universelle Bedeutung von SSC an, jedes Handeln sollte in irgendeiner Form auf eine ethische und allen Beteiligten bewusste Basis gestellt werden. Von daher gut als Kommunikationsbasis mit anderen BDSMlern geeignet. Das wars auch schon. Es greift mir nicht weit genug… insbesondere nicht in einer individuellen Beziehung. PRICK ist für mich zu selbstverständlich, ich Dummerle erwarte doch tatsächlich von den Menschen, dass sie eigenverantwortlich handeln und sich überlegen, was sie tun, bevor sie es tun. Noch dazu setze ich ein Mindestmaß an Begeisterung voraus, das einen dazu bringt sich zu informieren, ehe man mal eben fröhlich mit Geist und Körper eines Menschen herumhantiert.

RACK scheint mir am besten zu passen, hier wird der unvernüftige und deswegen oft besonders unterhaltsame Teil des BDSM nicht ausgeblendet, sondern unter dem Aspekt individueller Risikoabschätzung  zugelassen. Allerdings ist für jemanden wie mich, der normalerweise nicht mit Safewords oder Ampelwörtern (verbale „Sicherungssysteme“ um die Beteiligten zu schützen) spielt, auch hier nicht alles gegessen. Aber die Beschäftigung mit den kurzgefassten Spielregeln ist durchaus hilfreich, um sich über seine eigene Position Gedanken zu machen. Im Gegensatz zu meinen Anfangszeiten setze ich aber seit langem nicht mehr auf unterstützende Alphabetkonglomerate und deren moralische Stützrädchen, sondern nehme mir die Elemente die zu mir passen und belasse es bei den anderen mit vernachlässigender Kenntnisnahme. Meiner Meinung nach muss jeder seinen ganz eigenen Weg, seine ureigene Ethik und seine persönlichen moralischen Maßstäbe finden.

Meine Spielregeln und Leitworte sind heute mehr den je: Kommunikation, Wissen, Empathie, Vertrauen, Respekt und Beobachtungsgabe. Und natürlich die pure Lust am Spielen, Probieren, Entdecken und Begegnen… um es mit Schiller zu sagen:

Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist,
und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.

2 Gedanken zu “SSC, RACK oder doch lieber PRICK?

  1. cute2sinister2ruby schreibt:

    Hallo Ivy, ^^

    Mit dem Satz von dir „Meiner Meinung nach muss jeder seinen ganz eigenen Weg, seine ureigene Ethik und seine persönlichen moralischen Maßstäbe finden.“

    Hast du alles gesagt, was man dazu sagen könne in einem Kommentar.🙂

    Lg Oliver

    P.s.: Ein sehr schöner Artikel.😀

    Gefällt mir

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