Submissives Schlüsselerlebnis

Jeder von uns sucht, mal mehr mal weniger intensiv, nach einem gewissen Selbstverständnis für seine Existenz. Als BDSMler, egal welcher Neigung, stellt man sich vielleicht noch nach Jahren ab und an die Frage, wieso man diese spezielle Neigung eigentlich hegt. Diese Episode aus seinem Leben und damit einen Teil seiner ureigenen Ursachenforschung vertraute mir ein devoter Mann an. Ich bat ihn daraufhin, diesen kleinen Auszug in meinem Blog zu posten, denn er hat mich dazu gebracht mal wieder über das “warum” und nicht nur das “wie” meiner Vorlieben nachzudenken. Danke Tristan.


Jetzt werde ich vermutlich ungläubiges Stirnrunzeln ernten, aber ich muß Dir beichten, daß ich Mitglied im CVJM gewesen bin. Weniger weil ich intensive Sinnsuche im Transzendenten und Göttlichen betrieben hätte, sondern weil die einfach einen geilen Tischfußball hatten. In diesem Verein, voller moralischer, ethisch wohlfeil erzogener und integren Musterknaben, hat sich folgende Geschichte zugetragen, die ein Schlüsselerlebnis dafür gewesen sein könnte, warum ich bestimmte Neigungen habe.

Es war ein mehrtägiger Ausflug, wo wir genau hingefahren sind, weiss ich nicht mehr. Vermutlich zu einem Wallfahrtsort. Das ganze Land steht voller Kirchen und nach einiger Zeit beginnen in der Erinnerung alle zu einer einzigen zu verschmelzen. Am zweiten Abend, nach dem faden Essen mit Hagebuttentee in der Jugendherberge, hieß es rechtzeitig schlafen zu gehen. Dieser Hagebuttentee, den es überall zu geben schien, läßt mich noch immer erschaudern. In einem Raum waren wir jeweils zu acht untergebracht und niemand war wirklich müde.

Das Licht ruhewird gelöscht und wir albern noch in den Betten liegend herum. Wenn einer aufhört zu quasseln, dann nimmt ein anderer den Faden auf. Einer ist dabei, den plagt bald das schlechte Gewissen und nach einer kurzen hitzigen Diskussion entscheidet die Mehrheit, das jetzt Schluß sei und alle die Klappe zu halten haben. Ich denke nach und werfe die, wie ich fand, theologische Frage in den dunklen und mucksmäuschen stillen Raum, warum immer die Mehrheit über eine Minderheit zu befinden gedenkt. Einer fängt an zu rufen ‚Wir hatten gesagt es ist Schluß‘, andere springen ihm bei. Ich weiß nicht mehr wie es dazu kam, aber bald war die Rede von Strafe und Buße.

Die Gruppe schaukelt sich gegenseitig in Rage, ich liege still und verstört in meinem Bett. Diese Form einer Gruppendynamik hatte ich noch nicht erlebt und es hat mich zutiefst erschreckt. Dies waren doch all meine Freunde hier? Was passiert gerade? All dieses Aufhebens um eine Nichtigkeit. Und ich war unvermutet zu ihrem Ziel geworden. Es war so unglaublich grotesk. Das selbsternannte Schiedsgericht, die sieben anderen Jungs, befand nach kurzer Beratschlagung, daß meine schwere Sünde nur durch eine ordentliche Tracht Prügel auf meinen Hintern zu begleichen sei.

Jeder der sieben sollte seinen Anteil an der Freude haben, da ich ja nun bei allen in der Schuld stand. Ein Stuhl wurde in die Mitte des Raumes gestellt und ich aus meinem Bett gezogen. Ich war komplett paralysiert und ließ alles mit mir machen. Ich konnte einfach immer noch nicht glauben, was da gerade passierte. Also über den Stuhl gebeugt und Hose runter. Wenn schon, dann das ganze Programm. Jemand dabei mußte wohl ein Kenner der Prozedur gewesen sein, anders kann ich mir das beim besten Willen nicht zusammenreimen. Ein Gürtel schien das richtige Werkzeug. Es dauerte, da einige einen gewissen Ehrgeiz zu entwickeln schienen. Was dabei geschah ist klar, aber mein Unterbewußtsein hat einen schützenden Mantel darüber gestülpt, sodass ich es nicht mehr haarklein nacherzählen kann.

Mein Schlaf danach war unruhig, doch ich verbat es mir meinen Gefühlen freien Lauf zu lassen, sowie ich es mir verbat ihnen die Freude an einer Schmerzensbekundung zu geben. In all meiner Aufgewühltheit gab es aber noch ein sehr befremdliches Gefühl, daß ich damals nicht greifen, benennen und einordnen konnte. Macht und ihr ausgeliefert zu sein hat eine irgendwie absurde sexuelle Seite, wenn es nicht ein bestimmtes Maß überschreitet, sondern im kontrolliert Spielerischen verbleibt. Es gibt kein Equilibrum im Sexuellen. Einer ist immer der dominante fordernde und der andere der devote gebende Teil. Der Situation von damals, mit den intensiven Gefühlen, versuche ich wohl nachzuspüren.

10 Gedanken zu “Submissives Schlüsselerlebnis

  1. lebenseigener schreibt:

    Zitat:
    Es gibt kein Equilibrum im Sexuellen. Einer ist immer der dominante fordernde und der andere der devote gebende Teil.

    Oh ja! Genau das ist auch meine Erfahrung und genau darin sehe ich die befreiende, sinnliche Freude, diese Grunderfahrung zum offenen Thema zu machen – und darin aufgehen zu dürfen.
    Am Rande: Im CVJM war ich auch…

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  2. Umlaut schreibt:

    Vielleicht habe ich das jetzt nur falsch interpretiert. Im Kontext der Einleitung liest sich das für mich so, als könne ein einzelnes Ereignis oder Erlebnis die Ursache für sexuelle Neigungen sein. Das halte ich für einen Irrtum.

    Manchen Leuten wird ihre Neigung schlagartig klar, wie im beschriebenen Beispiel. Bei anderen geht es viel langsamer und eher fließend. Das betrifft aber jeweils nur die Erkenntnis, nicht die Neigung selbst. Die ist spätestens aber der Geburt einfach vorhanden. Vor der Pubertät merkt man halt nichts davon. Bei Manchen dauert das auch sehr viel länger.

    Eine Suche nach dem „Warum“ kann man sich getrost sparen. Für sadomasochistische Präferenzen gibt es ebenso wenig einen Grund wie für Homosexualtiät. Sonst müsste es ja auch eine konkrete Ursache dafür geben, warum jemand heterosexuell oder Vanilla ist.

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    • Ivy schreibt:

      Zum einen, falsch interpretiert bzw. schlecht von mir formuliert.

      Zum anderen… wieso fallen die Sterne nicht einfach vom Himmel? Weil jemand diese Frage gestellt hat und die Tatsache nicht einfach hingenommen hat, wissen wir heute die Antwort darauf. Ein einfaches „Ist halt so“ reicht manchen Menschen nicht, auch wenn sie glücklich mit ihrer Neigung leben. Ich halte ich es für durchaus legitim nach den Ursachen einer bestimmten Devianz zu suchen, allerdings vermeide ich es in diesem Zusammenhang tunlichst Neigung und sexuelle Orientierung in einem Topf zu werfen. Moser als auch Vetter haben auf der Suche nach dem „Warum“ Grundlagen zur Abgrenzung von sexuellem Sadismus und realem Sadismus geliefert, es gibt mehrere tiefen- und verhaltenspsychologische Ansätze die versuchen die Ursachen einer bestimmten Neigung zu klären. Dabei gehen -soweit ich sie gelesen habe- alle Theorien von einer postnatalen, aber präpubertären Prägung aus. Möglicherweise kommt man doch nicht so auf die Welt…

      Btw: Fiedler hat entdeckt, dass Sadomasochismus bei Frauen häufiger auftritt als bei Männern, eine Tatsache, die ich aufgrund einschläger Chats nie vermutet hätte. Sexualwissenschaft liest sich zwar schlecht, ist aber spannend.

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  3. Umlaut schreibt:

    Wenn es von Dir schlecht formuliert und von mir falsch interpretiert wurde, wie war es denn stattdessen eigentlich gemeint?

    Die Frage, warum die Sterne nicht vom Himmel fallen musste gestellt werden, weil sie ja ganz offensichtlich tatsächlich nicht vom Himmel fallen. Die Frage nach einem konkreten Lebensereignis als Ursache für sexuelle Devianz stellt sich dagegen nicht, weil es meines Wissens keinen Hinweis auf einen solchen Zusammenhang gibt. Frau Vetter und Mr Moser gehen einfach nur von etwas aus, wissen es also nicht und bleiben einen Beleg ja auch schuldig. Und nicht nur die (vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Sadomasochismus#Ursachen_und_Entstehung).

    Natürlich kann ich trotzdem sagen, die nach Occams Prinzip einfachste und damit wahrscheinlichste Erklärung passt mir einfach nicht. Dann gehe ich eben hin und versuche, eine Ursache für meinen Fesselfetisch oder meine Abneigung gegen Schokoladeneis zu finden und behaupte schließlich, es läge an einem frühkindlichen Trauma, dass im Übrigen auch dafür Verantwortlich ist, dass ich total auf Zitroneneis stehe. Das ist halt mehr ein spiritueller Ansatz und er führt im besten Fall nirgendwo hin. Wenn es schlecht läuft, fängt man irgendwann an, mit verbogenen Kleiderbügeln nach unterirdischen Wasseradern zu suchen oder an übersinnliche Wesen zu glauben.

    Den Unterschied zwischen Neigung und Orientierung verstehe ich gerade nicht. Wie verwendest Du die Begriffe?

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    • wikindianer schreibt:

      Orienterung: Wen fickt man; Neigung: Wie man fickt.

      Andere Frage: Ist das nicht selbstrefereziell Ivy mit einem WP-Artikel aus dem Portalsbereich zu widerlegen?

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      • Umlaut schreibt:

        Wenn Du für Ivy sprichst und Deine Definition von Orientierung und Neigung also auch die ihre ist, darf ich weiter ausführen, dass ich nicht beides „in einen Topf“ werfen wollte, sondern auf die Parallele in der kruden Wahrnehmung durch Gesellschaft und Wissenschaft hinweisen. Bei Homosexualität hat man sehr lange nach Ursachen gesucht, um Mittel zur „Heilung“ und „Prävention“ zu erforschen. Ohne dass es einen Grund gab, überhaupt eine Ursache anzunehmen, wie man heute dankenswerterweise einsieht.

        Da es im Bereich devianter Neigungen in puncto öffentlicher Wahrnehmung noch einiges aufzuholen gibt, wäre es doch hilfreich, nicht auf die gleichen Irrtümer hereinzufallen. Genau das kann aber schnell passieren, wenn man nach Ursachen sucht, ohne einen Grund für die Annahme zu haben, dass es überhaupt welche gibt. Ich dachte die Parallele wäre einigermaßen offensichtlich.

        Es mag selbstreferenziell sein, Ivy mit einem Verweis auf einen Artikel aus der Wikipedia zu widerlegen. Nur kann ich nicht erkennen wieso. Ich mochte nur nicht den Eindruck erwecken, ich hätte die gesamte Literatur zu dem Thema selbst gelesen. Was ist denn der „Portalsbereich“?

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    • Ivy schreibt:

      So gerne ich auch diskutiere, mir fehlt da heut der Kopf dazu. Nur als Anhaltspunkt was ich grade denke… die Sterne am Himmel sind genauso manifest wie meine Neigung, nur leuchten sie heute für jemand anderen.

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