Hawking-Index vs. 50 Shades

Der Hawking-Index (HI) ist eine kleine lustige Analyse, die der amerikanische Mathematikprofessor Jordan Ellenberg anhand des eBook-Leseverhaltens der Amazonkunden entwickelt hat.  Wer es noch nicht wusste, Amazon schaut seinen Lesern – natürlich völlig ohne bösen Absichten – über die Schulter. NSA, BND and so on wahrscheinlich auch, also kommts auf Herrn Ellenberg nicht mehr an, noch dazu verwendet er ja nur die öffentlich einsehbaren Daten, die Amazon zur Verfügung stellt… über die anderen Daten decken die Datensammler netterweise den Mantel des Schweigens. Bedenklich, aber nicht mein Thema.

Der Index, den Ellenberg übrigens selbst als eine nicht wirklich wissenschaftlich basierte Spielerei bezeichnet, versucht zu beschreiben wieviel Prozent eines Buches vom Leser tatsächlich gelesen wurde, ehe es in die virtuelle Tonne gekloppt wird. Nicht wirklich erstaunlich: Weder „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ von Thomas Piketty (HI 2,4%) noch Stephen Hawkings „Eine kurze Geschichte der Zeit“ (HI 6,6%) wurden wirklich gelesen. Aber eifrig gekauft, ist klar. Macht sich ja auch gut. Erinnert mich ein wenig an die wirklich wichtige Weltliteratur, die in den Regalen meiner Großeltern vor sich hinstaubte und beim Aufschlagen aussah wie neu. Kein Eselsohr, kein Kaffeefleck, nicht mal ein wenig Zigarettenasche, die immer ein untrügliches Zeichen geliebter und gelesener Bücher war.

BücherstapelInteressant auch, das der unvermeidbare Neoklassiker der BDSM-Literatur „Fifty Shades of Grey“ von E.L. James nur einen HI von 25.9% erreicht. Das bedeutet nur jeder vierte Käufer hat das Ding tatsächlich zu Ende gelesen. Woran das wohl liegt? Ich hab da ja einen Verdacht, der sich insbesondere auf die nicht grade überwältigende Sprachkompetenz der Fanfictionfraktion bezieht. Eine andere Frage die sich mir in dem Zusammenhang stellt… Wieso hat man sich das Buch gekauft? Ja, ich weiss, man kann sich als passionierter Leser des klassischen Schundes durchaus M. de Sade, Sacher-Masoch und Pauline Reage ins Regal stellen, aber wer zur Hölle würde James daneben stellen nur um seine literarische Gefestigtheit innerhalb der subkulturellen Lesewelt zu demonstrieren? In jedem anderen Wohnzimmer geht das meines Erachtens auch nur bei einem recht hohen Grad an „Asche-auf-mein-Haupt“-Selbstbezichtigungstoleranz. In meinem Geiste sehe ich das wunderbare Bild eines in friedlicher Ungelesenheit versammelten Bücherhaufens auf dem Klo… Pickett, James, Mann und Hawking schmusen sich dort einer seligen Vergessenheit entgegen… während die Comics obenauf liegen und voller undefinierbarer Flecken und Zigarettenasche eines zweiten regen Lebens erfreuen. Ellenberg sei Dank.

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