Love’s Labour’s (almost) Lost

Gestern, als mir ein Gedicht wieder in den Sinn kam, habe ich mich auch an den einzigartigen Mann erinnert, der mir eine besondere Liebe zum Geschenk gemacht hat. Ich hatte es fast vergessen …

Er war mal wer, der alte, immer aufrecht sitzende Mann. Hatte mit seiner Intelligenz, Eloquenz und seinem Wissen die meisten Menschen überstrahlt.  Und es war ihm ständig bewusst, auch jetzt noch, in seinem kleinen Zwei-Zimmer-Appartement in der Seniorenverwahrung. Er war sich was schuldig. Er wollte sich nicht gehen lassen, war stets korrekt gekleidet, gut frisiert, er legte Wert darauf, alles selbst zu erledigen. Er umgab sich mit Büchern, las viel und schrieb noch mehr, selbst als Parkinson seine Hände leise erzittern liess. Er erlaubte es sich nicht unterzugehen in dem Sumpf aus seniler Tristesse die ihn umgab.

Es wurde meine Aufgabe seine von eitrigen Wunden durchzogenen Beine in der Nachtwache zu verbinden, keine der Tagschwestern konnte oder wollte es tun. Nicht nur weil es keine sehr angenehme Angelegenheit war, sondern insbesondere weil der alte Herr sich weigerte, wenigstens der pflegerischen Routine zuliebe, vor Ende der Spätschicht ins Bett zu gehen. Er war mal wer, er hatte noch etwas Leben zu leben und solange es nicht zu Ende war, würde er sich nicht wie ein Kind um 18 Uhr ins Bett scheuchen lassen.

Er sprach wochenlang nicht mit mir. Wenn ich am Ende meiner ersten Runde gegen 01.00 Uhr in sein Appartement kam, reichte er mir die Hand und erlaubte mir ihn zu seinem Bett zu begleiten. Nicht ich brachte ihn hin, er führte mich. Ich kam nie auf die Idee, sein Bett aufzuschlagen oder ihm bei der quälenden Prozedur des Schuheausziehens behilflich zu sein. Ich wartete still bis er fertig war, wechselte schweigend seine Verbände und ging ohne ein Wort des Dankes zu erwarten.

Eines Nachts sagte er als ich seine Beine versorgte: „Sie sind anders.“ Und noch während ich überlegte, ob ich seine Stimme eigentlich schon jemals gehört hatte, sprach er weiter: „Sie haben kein Mitleid, Sie sind mitfühlend. Das macht Sie anders. Ist Ihnen bewusst, dass das einen Unterschied macht?“ Der alte Mann, der mal wer war, und die Krankenschwester, die niemand war, hatten eine verbindliche Basis gefunden, denn sie kannte den Unterschied.

Unsere Nächte veränderten sich. Wir sprachen viel, nie über Krankheit, Schmerz, nur über das Leben. Ich schlich ab und zu in sein Appartement, rauchte heimlich an seinem Fenster, während wir über Moral, Sprache, Glauben und Liebe diskutierten. Eines Nachts bat er mich um etwas. Es war die einzige Bitte, die er je an mich richtete. Er bat mich zu bleiben, ihm meine Pausen ganz zu schenken und ihm vorzulesen. Er wollte mir die Schönheit einer Sprache zeigen, die er liebte und wieder die Stimme einer jungen Frau genießen. Er war mal wer und er war es noch. Er war unwiderstehlich.

Wir lasen Shakespeare. Und ich verliebte mich.

2 Gedanken zu “Love’s Labour’s (almost) Lost

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