Kosmopolitismus

Als bekennender Statistikjunkie schaue ich regelmässig meine Blogstatistiken durch, dabei interessiert es mich wenig von welcher Seite Leser kommen oder welchen Links sie letztlich folgen, sondern es fasziniert mich vielmehr woher sie tatsächlich stammen. Kosmopolitisch betrachtet. Natürlich werde ich nie erfahren, welcher Zufall sie an meine Gestade spült, sind sie deutschsprachig, nur im Urlaub oder radebrechen sie sich durch die Texte? Haben sie nach Bildern gesucht, leiden sie unter Schlafstörungen oder war ein Zitat das Ziel? Ahnen Liechtensteiner, Syrer, Bangladescher, Isländer, Palästinenser, Kenianer, Isrealis, Malteser und Chilenen, dass sie sich hier begegnet sind? Und wer ist der griechische Leser, der mich seit einigen Monaten jeden Tag besucht?

Bildschirmfoto 2013-10-18 um 12.04.15Screenshot “Dashboard – Aufrufe nach Land” vom 18. Oktober 2013

Voiascher

Das Fräuleinwunder steht mit verschränkten Armen in ihrem putzigen rosa Schlafanzug und völlig ohne Socken vor mir.

“Voiascher!”
“Nein, solange du keine Socken anziehst, darfst du kein Voyager gucken.”
“Doch!”
“Nein. Captain Janeway erlaubt ihrer Crew auch nicht barfuss durch die Enterprise zu laufen.”
“Pah. Geh doch zum Zahnarzt!”

Dreht sich um, schnappt ihre Puppe, rauscht formvollendet in ihr Zimmer und knallt die Türe zu. Ich warte voller Spannung darauf, was sie mir wohl erst an den Hals wünscht, wenn sie in der Pubertät ist.

janeway-facepalm

Hallo, Onkel Doc!

Bei der routinemässigen Blutabnahme fragt Frau R., ihres Zeichens Sprechstundenhelferin, ganz nebenbei nach der merkwürdigen Prellung auf meiner Stirn. Sie war schon bei meinem Kinderarzt angestellt, für sie bin ich wohl nie erwachsen geworden, vielleicht ist sie deswegen an jeder Kleinigkeit interessiert, die mir so passiert.  Ich erkläre ihr, dass meine Stirn Differenzen mit einem Brecheisen hatte, dass ich nur deswegen brauchte, weil meine Holzdeckenlamellen-Aktion irgendwie ein wenig ausgeufert ist. Inzwischen ist aus dem Anstreichen meines Zimmers ein Dachausbau inklusive neuer Dämmung geworden. Keine Ahnung, wie das passiert ist. Als sie genauer nachfragt, rutscht mir raus, dass ich nebenbei ein Problemchen mit einem rostigen Nagel hatte. Das liegt aber nicht an meiner Schusseligkeit, sondern nur daran, dass deutsche Männer meinen, man müsste ein 12mm dickes Brettchen zwingend mit 10cm langen Nägeln für die Ewigkeit festhämmern.

Der umherhuschende Doc wird von Frau R. eingefangen und mit den Worten: “Es ist Ivy, guck mal lieber drauf.” ins Labor geschoben. Er seufzt leise als ich ihm begeistert mein frisch erarbeitetes Loch im Fuss präsentiere. “Kannst du nicht mal beim Fensterputzen von einer Leiter fallen, wie andere Hausfrauen auch?” Als er meine hochgezogenen Augenbrauen bemerkt, fällt ihm ein, dass wir das ja letztes Jahr schon erledigt haben. Er kniet sich hin um meinen Fuss zu begutachten und stellt fest, dass ich alles soweit gut versorgt habe. Während er die Wunde verbindet, erzähle ich ihm von meiner neuen Handkreissäge und der Stichsäge mit Lasertralala. Fasziniert sehe ich zu wie sein Gesicht erst rot, dann weiss wird um sich schliesslich in einem zarten Grün zu stabilisieren. Um ihn zu beruhigen, sage ich ihm, dass ich schliesslich beim Roten Kreuz bin. Er fragt “Mitgliedschaft oder Dauerabo?” “Kombipaket” antworte ich.

Er erklärt mir ausführlich, wie ich meinen Fuss zu verbinden habe und fragt mich, ob ich alles verstanden hätte. Ich nicke und teile ihm mit, dass ich als Krankenschwester schon zurecht kommen dürfte. “Und wieso sagst du das nicht ehe ich dir den ganzen Schmonsens vorbete?” Ich kann ja schlecht sagen, dass ich es immer geniesse, einen Mann vor mir auf Knien zu haben, der sich liebevoll um meine Füsse kümmert, also teile ich ihm mit, dass ich seine Erklärung so niedlich fand, das ich ihn nicht unterbrechen wollte. Er nickt eigenartig schicksalsergeben.

Wir gehen gemeinsam zum Empfang, ich will mich verabschieden und raushüpfen, da hält er mich auf “Stop Fräulein. Erst wirst du geimpft.” Meine Begeisterung hält sich sichtbar in sehr engen Grenzen, aber er weiss genau das ich schon ewig nicht mehr geimpft worden bin. Frau R. fragt nach “Tetanus?” Mit einem Grinsen sagt er “Oh nein, so leicht kommt sie hier nicht raus. Ich will jeden verfügbaren Impfstoff in die Frau gepumpt haben. Inklusive Pest, Cholera und Gelbfieber – nur für alle Fälle. Wer weiss was ihr morgen einfällt.” Während ich hinter Frau R. herhopple, höre ich wie mein Doc zu der anderen Arzthelferin sagt: “Schau mal im Leistungskatalog der Krankenkasse nach, es käme die Solidargemeinschaft auf Dauer deutlich billiger, wenn wir für Ivy einen Handwerker beantragen.”

Mund-Art

Wir sitzen am Küchentisch, es gibt Kaffee und Kuchen und wir feiern die Tatsache, dass wir schon lange keine Zeit mehr für ein Schwätzchen hatten. Er wohnt zu weit weg, als das wir uns allzu oft sehen würden. Irgendwann driftet unser freundschaftliches Geplänkel in Richtung “Blowjob” ab, seine Subbine legt dabei wohl nicht allzuviel Begeisterung an den Tag. “Versteh ich gar nicht, ich mach das total gerne.” stelle ich fest. Er schüttelt den Kopf und meint, dass sei doch nur was für Sklavinnen und nichts für dominante Frauen. Mit Stirnrunzeln halte ich ihm vor, dass er als großer böser Dom auch nicht grade mit Weisheit geschlagen wäre, wenn er einer Frau, der er grad den Hintern versohlt habe, sein bestes Stück in den Mund voller perlweisser und scharfer Zähne lege. Noch dazu, wenn sie das nicht besonders gerne tue. Das wär nicht dominant sondern eher treudoof. Er schnaubt und behauptet ich würde das mangels entsprechender Ausstattung einfach nicht verstehen.

Da muss ich ihm recht geben, ich weiss natürlich nicht, wie sich das anfühlt, allerdings weiss ich genau um die Macht und Kontrolle, die man bei dieser wundervollen Art körperlicher Kommunikation ausüben kann. Aber nein, er bleibt stur: “Du wirst nie eine richtige Domme” seufzt er leise. Ich erkläre ihm, dass ich genau das bin, wenn ich meinem Sub diese Art der Aufmerksamkeit gönne. Nicht nur wegen der begeisternswerten Option des Tease and Denial, sondern vielmehr weil es mein gutes und göttingegebenes Recht ist, genau das zu tun, was mir Spass macht. Und wenn das halt ein Blowjob ist, dann muss der arme Kerl da eben durch. So.

Seine blauen Augen lassen ganze Sternenhagel der Missbilligung auf mich herabregnen. Ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen und stecke mir einen Kaffeelöffel in den Mund. Mit nach oben gereckten Händen und zappelnden Fingern lutsche ich geräuschvoll daran und nuschel ihm zu “Guck mal, Papi, ganz ohne Hände.” Ich kann mich grade noch lachend unter den Tisch bücken, um dem Stück Marmorkuchen auszuweichen, dass der ach so beherrschte und ernsthafte Herr nach mir wirft.

Holzdeckenlamellen

Bei jedem meiner sonstigen DIY-Projekte haben die Männer meines Lebens und meiner Familie immer eine ganze Menge dazu zu sagen – ungefragt. Egal ob erbspüreegrüne Streifen, schaltbare Steckdosen oder ein Bett mit entsprechenden Fixierungspunkten, es gibt immer jemanden der mir sagt, dass das 1. nicht geht und 2. schon gar nicht, wenn ich das selber mache.

Und jetzt, da ich in meinem zukünftigen Zuhause die hirnrissige Idee hatte 16 Quadratmeter Holzdeckenlamellen anzuschleifen und weiss zu lackieren, kein Ton. Klar, einmal hätte man mich davon abhalten sollen und dann – Nix, nada, niente. Ist auch nicht so, dass einer der Männer, die sich ach so gerne von mir den Hintern versohlen lassen würden “hier” schreit – oh nein. Spass mit Ivy jederzeit gerne, aber der armen Frau, die jetzt mal gerne das hilflose Weibchen mimen würde, wirklich weiterhelfen… von wegen.

Für alle die auf der Suche nach Rat und Hilfe beim Streichen ihrer Holzdecke via Google hier landen: Lasst es sein. Lebt einfach mit der braunen Decke. Es ist den Aufwand echt nicht wert. Vertraut mir.

Aussagekraft

DRingerlas Fräuleinwunder hat vor etwa zwei Wochen meinen “Ring der O” in seine Bestandteile zerlegt, vermutlich aus wissenschaftlicher Neugier. Den Ring trage ich seit Jahren an meinem linken Daumen und auch wenn ich auf seine Symbolkraft keinen Pfifferling mehr gebe, fehlt er mir. Wie soll ich leben ohne den regelmäßigen cheflichen Vortrag über Patientengefährdung durch merkwürdigen Schmuck, das ewige Verhakeln der Stricknadeln im Ringerl und die beruhigende Option bei Langeweile mit dem Ring rumzuspielen? Heute ergab sich die Gelegenheit samt Verursacherin des Problems und meiner Mum in die nahegelegene Kreisstadt zu fahren. Mum braucht eine neue Winterjacke und die kann man bekanntlich ohne Publikum ja nicht kaufen.

Als wir an dem örtlichen SM-Gothic-Piercing-Laden vorbei kommen, verkünde ich, dass ich da rein müsse. Sofort. Mum begutachtet die Auslage und entscheidet sich spontan, dass ein Laden mit FSK-18-Schild an der Türe nichts für sie sei. Drinnen finde ich schnell was ich suche – Nein, muss nicht eingepackt werden, ich zieh ihn gleich an. Dieses Mal achte ich darauf, dass der kleine Ring auch ja verschweisst ist, um das Fräuleinwunder an weiteren metallurgischen Experimenten mit meinem Schmuck zu hindern.

Als ich rauskomme, will Mum meine Neuerwerbung sehen. Ich strecke ihr meinen Daumen hin. Sie nickt beifällig und fragt: “Passt der Ring nicht auch am Mittelfinger?” Ich nicke und stecke den Ring um. “Gut.” sagt sie. Nach einem bedeutungsschwangeren Blick auf den Laden und sein Schaufenster fügt sie hinzu: “Ich nehme an, dieser Ring hat eine Bedeutung.” Ich will grade den Mund öffnen, da schneidet sie mir mit einer Handbewegung das Wort ab.”Nein, ich will es gar nicht wissen. Aber wenn das Teil etwas bedeutet hat, dann solltest den Ring nicht am Daumen verstecken, sondern verdammt noch mal drauf achten, dass die Welt diese Aussage auch zu sehen bekommt.”

Die resolute 70jährige dreht auf dem Hacken um und schiebt Fräuleinwunders Buggy zielstrebig in Richtung Klamottenladen. Ich stehe etwas erstaunt mitten auf der Strasse, und spiele mit dem noch ungewohnten Ring an meinem Mittelfinger. Lachend denke ich dann: “Wie könnte ich denn meiner Mutter widersprechen?” und renne den Beiden samt meiner neugewonnenen Aussagekraft in gebürstetem Edelstahl hinterher.

SSC, RACK oder doch lieber PRICK?

BDSMler haben einen Akronymfetisch, vielleicht geboren aus dem Wunsch sich abzugrenzen und irgendwas Besonderes sein zu wollen. Warum auch immer. Ein ganz lieber Neuling auf dem Spielplatz sexueller Absonderlichkeiten fragte mich kürzlich via Mail nach dem Unterschied zwischen SSC und RACK und wo ich mich selbst da sehe. Nicht das man das nicht auch an beliebiger Stelle im Internet nachlesen könnte, aber nach Jahren der Selbstverständlichkeiten lohnt sich die eigene Auseinandersetzung mit den Grundlagen vielleicht doch. Da hier auch immer wieder Leute ohne oder mit wenig BDSM-Hintergrund mitlesen – was ich wirklich schätze – fang ich mal ganz von vorne an: Alle diese Konzepte stehen für die Abgrenzung einvernehmlicher sexueller Praktiken aus dem BDSM-Bereich zu strafbarer sexueller Gewalt. Sie bilden sozusagen den moralischen Handlungsrahmen der Leidenschaft. Dank dem “Spanner Case” und “People v. Jovanovic” ist auch klar, wieso das Sinn macht.

SSC – Safe, sane, consensual

Dieses weitverbreitete und quasi nicht umstrittene Grundkonzept des BDSM entstand irgendwann in den 1980ern, und stammt vermutlich von David Stein, einem schwulen Lederaktivisten. Aber was bedeuten diese Komponenten?

Safe – Sicher: Natürlich wäre es nett, wenn es Sicherheit gäbe, aber Sicherheit ist relativ. Für jede Praktik findet sich bestimmt jemand der diese als sicher empfindet, und bestimmt auch genauso viele, die diese als unsicher empfinden. Jeder der schon mal mit verbundenen Augen vor ein Nachttischchen gelaufen ist und sich den kleinen Zeh gebrochen hat, weiss wovon ich rede. Es heisst schliesslich nicht umsonst Safer Sex und nicht Safe Sex.

Sane – Mit gesundem Menschenverstand: Wird oft mit “gesund” übersetzt, bedeutet aber in der Ausgangssprache in etwa “geistige Gesundheit” oder “vernüftig”. Das wird gerne vorausgesetzt, ist aber meiner Ansicht durchaus ein auf Kommunikation basierendes Element und betrifft auch die Eigeneinschätzung der Beteiligten. Aber wie erkennt man die geistige Normalität des anderen? Erinnert mich sehr an “don´t drink and fuck”, was auch richtig ist, aber den Spass gelegentlich unterläuft.

Consensual – Einvernehmlich: Der Schlüssel zur Einvernehmlichkeit ist ebenfalls Kommunikation. Und auch wenn eine Praktik gegen den offensichtlichen Willen des devoten Parts verlangt wird, kann das im Rahmen der individuellen grundsätzlichen Vereinbarung der beiden Partner abgesprochen sein – der gern bemühte Metakonsens.

RACK – Risk-aware consensual Kink

Dieses Akronym wurde 1999 von Gary Switch als Gegenentwurf zu SSC gepostet und entstand aus der Unzufriedenheit heraus, SSC impliziere BDSM könne grundsätzlich sicher und berechenbar sein, ein Glaube der sich in den 1990ern zunehmend verbreitet hatte.

Risk-aware – Risikobewusstsein: Etliche sadomasochistische Praktiken bergen Risiken. Risikobewusstsein, hier ist auch auch die individuelle Risikobewertung gemeint, trägt in diesem Zusammenhang der Tatsache Rechnung, dass Wissen, Können, Erfahrung und Übung potentiell gefährliche Praktiken sicherer machen können, aber auch dass sie nicht risikofrei werden. Finde ich persönlich durchaus eine Überlegung wert, wenn die Risikominimierung sich allerdings in Richtung Wiseman entwickelt, zu dem Lilasumpf ein paar nette Bemerkungen geschrieben hat, ist es mit der Lust auch schnell vorbei.

Consensual – Einvernehmlich: Hatten wir schon, allerdings stellt RACK die Einvernehmlichkeit über die Grundelemente Safe und Sane aus dem SSC, denn ist es ist durchaus möglich, dass eine Praktik hirnrissig, gefährlich und logisch nicht nachvollziehbar ist und dennoch von den Beteiligten, bei denen geistige Gesundheit vorausgesetzt wird, als Riesenspass empfunden wird. Hier würde normalerweise SSC diese unterhaltsame Aktion in die Kellerräume der Unvernunft und Unkalkulierbarkeit verbannen, RACK machts möglich.

Kink – Kink: Eigentlich kaum zu übersetzen, wird gerne schlicht als BDSM übersetzt, entspricht aber in der Bedeutung eher allen alternativen Sexpraktiken, im Englischen wird dafür auch der Begriff “alternative” oder “special interest” verwendet.

PRICK – Personal responsibility, informed consensual kink

Ein neuerer Begriff, der seit einiger Zeit vor allem in der englischsprachigen Gemeinde kursiert und die Eigenverantwortung betont. Noch dazu ein nicht ganz anständiges Wort für das primäre männliche Geschlechtsorgen.

Personal responsibility – Persönliche Verantwortung/Eigenverantwortung: Man sollte tatsächlich für die Dinge Verantwortung übernehmen, die man tut. Ich persönlich halte das eher für ein Grundprinzip des Lebens, als das ich das explizit auf die Sexualität beziehen würde. Aber hier schliesst das auch die Verantwortung für die körperlichen, seelischen und emotionalen Folgen des sexuellen Handelns ein. Und dabei ist nicht nur die Wund- und Heilsalbe gemeint, sondern durchaus auch die Eigenverantwortung rechtzeitig Stop zu sagen.

informed – informiert: Bezieht sich im ersten Blick auf das “Fachwissen” der Beteiligten. Ja, man kann sich eine Menge anlesen, aber die praktische Umsetzung hapert gelegentlich dann doch etwas. Problematisch wird es an Punkten in denen Neuland betreten wird, man weiss nicht wie das Gegenüber reagiert, wenn man etwas Neues ausprobiert. Emotional betrachtet. Mal von noch nicht dianostizierten Krankheiten ganz abgesehen – Himmel, ich rede wie eine Krankenschwester.

Rest siehe oben.

Daneben gibts natürlich noch CCC und SSCF und vermutlich eine ganze Reihe anderer lustiger Buchstabenrätsel. Wer suchet der findet.

Und ich?

Wo steh ich denn nun, mal völlig abgesehen von meiner notorischen Schubladenphobie? Natürlich erkenne ich die universelle Bedeutung von SSC an, jedes Handeln sollte in irgendeiner Form auf eine ethische und allen Beteiligten bewusste Basis gestellt werden. Von daher gut als Kommunikationsbasis mit anderen BDSMlern geeignet. Das wars auch schon. Es greift mir nicht weit genug… insbesondere nicht in einer individuellen Beziehung. PRICK ist für mich zu selbstverständlich, ich Dummerle erwarte doch tatsächlich von den Menschen, dass sie eigenverantwortlich handeln und sich überlegen, was sie tun, bevor sie es tun. Noch dazu setze ich ein Mindestmaß an Begeisterung voraus, das einen dazu bringt sich zu informieren, ehe man mal eben fröhlich mit Geist und Körper eines Menschen herumhantiert.

RACK scheint mir am besten zu passen, hier wird der unvernüftige und deswegen oft besonders unterhaltsame Teil des BDSM nicht ausgeblendet, sondern unter dem Aspekt individueller Risikoabschätzung  zugelassen. Allerdings ist für jemanden wie mich, der normalerweise nicht mit Safewords oder Ampelwörtern (verbale “Sicherungssysteme” um die Beteiligten zu schützen) spielt, auch hier nicht alles gegessen. Aber die Beschäftigung mit den kurzgefassten Spielregeln ist durchaus hilfreich, um sich über seine eigene Position Gedanken zu machen. Im Gegensatz zu meinen Anfangszeiten setze ich aber seit langem nicht mehr auf unterstützende Alphabetkonglomerate und deren moralische Stützrädchen, sondern nehme mir die Elemente die zu mir passen und belasse es bei den anderen mit vernachlässigender Kenntnisnahme. Meiner Meinung nach muss jeder seinen ganz eigenen Weg, seine ureigene Ethik und seine persönlichen moralischen Maßstäbe finden.

Meine Spielregeln und Leitworte sind heute mehr den je: Kommunikation, Wissen, Empathie, Vertrauen, Respekt und Beobachtungsgabe. Und natürlich die pure Lust am Spielen, Probieren, Entdecken und Begegnen… um es mit Schiller zu sagen:

Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist,
und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.

Thank you for loving me…

Kurz nach meinem 20. Geburtstag standest du plötzlich mit meinem Chef in dem muffigen Kellerbüro unterhalb der Nürnberger Pizzeria in der ich als Schichtleiterin gejobbt habe. Du warst auf Vorstellungsrunde, denn du warst ausersehen in Zukunft in unserer Hauptstelle die Kommisionierung zu übernehmen. In deinem adretten Jackett, mit deinen gebügelten Jeans und deinen knappen zwei Metern wirktest du in dem schmuddeligen Räumchen so unfassbar deplaziert, während ich mit meiner mehlbedeckten roten Latzhose auf dem kaputten Drehstuhl kippelte und mir anhörte, was du denn zu sagen hattest. Mein einziger Kommentar dazu und zu dir war schlicht: “Du bist ein Arsch.”

In der Zeit danach hast du jede Woche zweimal in unserer Filiale vorbeigeschaut, immer hat was an der Bestellung nicht gepasst, etwas war aus und musste nachgeliefert werden, lauter hanebüchener Unsinn, der sich auch am Telefon hätte klären lassen. Stur wie ich war, hab ich mich einfach geweigert, auch nur ein einziges Wort mit dir zu wechseln und hab dich geflissentlich übersehen. Eines Tages hast du dann angefangen mit dem Colaautomaten zu reden… weil ja sonst keiner mit dir sprechen wollte… und ihm all das zu sagen, dass eigentlich an meine Adresse gerichtet war. Es hat nochmals Wochen gedauert, bis du den Colaautomaten und mich überzeugt hattest, dass du wirklich und ganz ernsthaft mit dem winzig kleinen Dickschädel in den versifften Latzhosen und den bunten Springerstiefeln ausgehen willst… auch wenn sie keine anderen Klamotten im Schrank haben sollte.

Heute wäre dein 46. Geburtstag. Und inzwischen kann ich bei dem Gedanken an unsere Geschichte wieder lachen. Die Trauer nicht mit dir feiern zu können, mischt sich immer mehr mit Dankbarkeit – ich habe nicht nur von der einen großen Liebe geträumt… ich habe sie tatsächlich gelebt.

Happy Birthday, Mika.