Think Positive

Seit inzwischen mehr als 10 Tagen habe ich eine Mittelohrentzündung. So eine superfiese. Mit Antibiotikaversagen. Das ist jetzt kein Weltuntergang, aber es tut weh und nervt mich, weil ich auf dem linken Ohr nichts mehr höre. Ich hab gequengelt und gezickt. Und eigentlich mag ich das nicht an mir, Wehleidigkeit ist doch eher was für Männer. Also war es Zeit reichlich Ibuprofen einzuwerfen und die Sache mit meinem ureigenen positiven Fatalismus zu betrachten. Eigentlich bin ich kompatibilistische Deterministin, aber so ein Hauch von Schicksal hat dank Nietzsche und Capt. Jack Sparrow eine gewisse Anziehungskraft. Vor allem dank Capt. Jack Sparrow.  Ich schweife ab.bad-day

Das absolut Positive an dieser Mittelohrentzündung ist faszinierender Weise genau die Tatsache, die mich nervt. Diese Taubheit hat segensreiche Nebenwirkungen. So kann ich, wenn ich mich richtig herum hinsetze, in völliger Ruhe und konzentriert Texte über Alexander den Großen und die Schlacht  von Gaugamela lesen, während das Fräuleinwunder mit frenetischem Jubel in voller Lautstärke Spongebob schaut. Nicht das sich wirklich viele Menschen das eine oder das andere als erstrebenswerten Genuss vorstellen können, aber ich muss sagen, Alexander der Große und Spongebob hatten eine echt gute Woche miteinander.

Ein anderes Leckerli des deutlich gedämpften Hörens – ich kann stundenlang mit meiner Mum telefonieren, ohne mich auch nur einmal aufzuregen. Normalerweise bin ich nach geschätzten drei Minuten völlig entnervt, aber zur Zeit bin ich eine gute Tochter und benutze, sobald sie zu einem ihrer berüchtigten Monologe ansetzt, einfach das taube Ohr zum Telefonieren. Was ich nicht höre, macht mich nicht heiss und entspannt alle Beteiligten.

Es wird noch zwei Wochen dauern, bis ich links wieder was höre … und ich habe vor die Zeit zu geniessen. Es ist alles nur eine Frage der Einstellung.

Alone in the dark

Letzte Nacht war ich alleine, so ganz alleine. Also kein Kind, kein Mann, keine Frau, kein Hund, nicht mal meine Patienten um mich herum. Allein. So ganz wirklich. Es muss mindestens 10 Jahre her sein, dass ich wirklich nachts nicht nur alleine in meinem Bett geschlafen hab, sondern auch niemand in meiner Nähe war.

Ich hab die ganze Nacht das Licht angelassen.

Love’s Labour’s (almost) Lost

Gestern, als mir ein Gedicht wieder in den Sinn kam, habe ich mich auch an den einzigartigen Mann erinnert, der mir eine besondere Liebe zum Geschenk gemacht hat. Ich hatte es fast vergessen …

Er war mal wer, der alte, immer aufrecht sitzende Mann. Hatte mit seiner Intelligenz, Eloquenz und seinem Wissen die meisten Menschen überstrahlt.  Und es war ihm ständig bewusst, auch jetzt noch, in seinem kleinen Zwei-Zimmer-Appartement in der Seniorenverwahrung. Er war sich was schuldig. Er wollte sich nicht gehen lassen, war stets korrekt gekleidet, gut frisiert, er legte Wert darauf, alles selbst zu erledigen. Er umgab sich mit Büchern, las viel und schrieb noch mehr, selbst als Parkinson seine Hände leise erzittern liess. Er erlaubte es sich nicht unterzugehen in dem Sumpf aus seniler Tristesse die ihn umgab.

Es wurde meine Aufgabe seine von eitrigen Wunden durchzogenen Beine in der Nachtwache zu verbinden, keine der Tagschwestern konnte oder wollte es tun. Nicht nur weil es keine sehr angenehme Angelegenheit war, sondern insbesondere weil der alte Herr sich weigerte, wenigstens der pflegerischen Routine zuliebe, vor Ende der Spätschicht ins Bett zu gehen. Er war mal wer, er hatte noch etwas Leben zu leben und solange es nicht zu Ende war, würde er sich nicht wie ein Kind um 18 Uhr ins Bett scheuchen lassen.

Er sprach wochenlang nicht mit mir. Wenn ich am Ende meiner ersten Runde gegen 01.00 Uhr in sein Appartement kam, reichte er mir die Hand und erlaubte mir ihn zu seinem Bett zu begleiten. Nicht ich brachte ihn hin, er führte mich. Ich kam nie auf die Idee, sein Bett aufzuschlagen oder ihm bei der quälenden Prozedur des Schuheausziehens behilflich zu sein. Ich wartete still bis er fertig war, wechselte schweigend seine Verbände und ging ohne ein Wort des Dankes zu erwarten.

Eines Nachts sagte er als ich seine Beine versorgte: “Sie sind anders.” Und noch während ich überlegte, ob ich seine Stimme eigentlich schon jemals gehört hatte, sprach er weiter: “Sie haben kein Mitleid, Sie sind mitfühlend. Das macht Sie anders. Ist Ihnen bewusst, dass das einen Unterschied macht?” Der alte Mann, der mal wer war, und die Krankenschwester, die niemand war, hatten eine verbindliche Basis gefunden, denn sie kannte den Unterschied.

Unsere Nächte veränderten sich. Wir sprachen viel, nie über Krankheit, Schmerz, nur über das Leben. Ich schlich ab und zu in sein Appartement, rauchte heimlich an seinem Fenster, während wir über Moral, Sprache, Glauben und Liebe diskutierten. Eines Nachts bat er mich um etwas. Es war die einzige Bitte, die er je an mich richtete. Er bat mich zu bleiben, ihm meine Pausen ganz zu schenken und ihm vorzulesen. Er wollte mir die Schönheit einer Sprache zeigen, die er liebte und wieder die Stimme einer jungen Frau genießen. Er war mal wer und er war es noch. Er war unwiderstehlich.

Wir lasen Shakespeare. Und ich verliebte mich.

Thou winter wind

Ich liebe Winter, wenn es draussen kalt wird, geht mein Herz auf. So richtig kuschelig warm wird es mir, wenn die Welt in Schnee versinkt, es darf auch gerne mal mehr als ein Meter sein. Ich mag auch den Frühling, keine Frage, aber da drohen am Horizont der Heuschnupfen und die heissen Tage des Sommers, die ich in ihrer Trägheit ermüdend finde. Erst wenn die Tage kürzer werden und der Herbst kommt, wird es besser. Nebel, kahle Bäume und eine ganz andere Art der Stille. Wunderschön.

Was mir aber wirklich den Winter vermiesen könnte, wenn ich nicht so ein duldsames und ausgeglichenes Geschöpf wäre, ist mein Auto. Er heisst Ludwig. Wie der König der ins Wasser ging. Sie sind seelenverwandt, es regnet nämlich in seinem Inneren. Ein warmer Sommerregen stört mich im Auto nicht sehr, auch wenn es gelegentlich irritiert, dass es drinnen und draussen gleichermassen feucht ist. Im Winter aber kristallisiert sich jeder Tropfen Wasser, das mein Ludwig wie ein Schwamm aufzusaugen scheint, an den Scheiben. Innen.

Aussen auf den Scheiben ist kein Hauch von Eis, aber im Inneren des kleinen Ludwig fühlt man sich wie in einer Gletscherhöhle. Wo man hinsieht ist alles mit einer renitenten, hauchdünnen weissen Schicht überzogen. An manchen Tagen wachsen sogar klitzekleine Eiszapfen an der Innenraumbeleuchtung. Faszinierend und enervierend zugleich. Es gibt keinen Morgen an dem ich nicht gefühlte Stunden damit verbringe, das Innere der Scheiben vom Eis zu befreien. Aber ich werde mich nicht beugen und meine Liebe zum Winter aufgeben, oh nein. Ich nicht. Ich habe Enteiser-Spray gekauft und warte nunmehr geduldig, bis die Eisschicht sich in Wohlgefallen auflöst, nur um sich am nächsten Tag unbeeindruckt wieder abzulagern. Aber es gibt mir zumindest die Muße mich an ein wunderbares Gedicht von Shakespeare zu erinnern …

Blow, blow, thou winter wind
Thou art not so unkind
As man’s ingratitude;
Thy tooth is not so keen,
Because thou art not seen,
Although thy breath be rude.

Not in Dosen

Man muss das schon eingestehen, meine Familie ist dezent technikaffin. Obwohl in der Mehrheit Geisteswissenschaftler, scheinen sie die Finger nicht von blickendem und piepsendem Spielzeug lassen zu können. Am Wochenende waren zwei Prachtexemplare dieser speziellen Spezies zu Besuch. Und plötzlich hat meine nach normalen Gesichtspunkten gut eletrifizierte Wohnung nicht genug Steckdosen. Anachronistischerweise läuft Fräuleinwunders Laptop mit gewöhnlichen Batterien, deshalb hat sie vermutlich das “ausgediente” ein Jahr alte iPad geschenkt bekommen. Und ihre LED-Nachttischlampe muss auch tagsüber laden. Dann wären da noch zwei Laptops, zwei iPhones, drei Handys und ich glaube auch drei Tablets. Mal völlig davon abgesehen, dass mein Vibrator ebenfalls Steckdosenaufladekapazitäten verbraucht.

SteckdoseUm der Wahrheit die Ehre zu geben, es gibt in solchen Fälle einen Plan um innerhalb der verfügbaren Zeit alle Geräte zu laden. Und noch genug Luft zu haben, damit auch jeder mit den Sachen spielen zu können. Ausserdem habe ich den Verdacht, dass irgendjemand in unserer Familie GoogleEarth benutzt um das Kabelwirrwarr zu überschauen. Anders kann ich mir das Funktionieren des ausgetüftelten Plans und die korrekte Zuordnung aller Kabel nicht erklären. Der Besuch ist sogar mit den richtigen Ladegeräten und Adaptern in der Tasche wieder abgereist.

Und auf einmal habe ich mehr Steckdosen als ich brauche. Sie sehen so verlassen aus. Vielleicht sollte ich mir noch ein aufladbares Bügeleisen kaufen, obwohl, das hab ich ja schon … aber das Fräuleinwunder würde sich bestimmt über ein wiederaufladbares pinkes Lichtschwert freuen. Natürlich nur damit die Steckdosen nicht nutzlos und einsam in der Wand hängen.