DNA

Die Kindergärtnerin starrt mit offenen Mund das Fräuleinwunder an, als ich ihr die Mütze absetze…

Kindergärtnerin: Heiliger Himmel… was ist denn da passiert?
Ivy: Ähm…
Fräuleinwunder: Cool, ne.
Kindergärtnerin: Aber du hattest doch so wunderschöne lange Locken!
Fräuleinwunder: Abge’nippselt.
Kindergärtnerin: Mit einer Machete?
Ivy: Kinderschere.
Kindergärtnerin: Woooh. Tja, das Fräuleinwunder macht eben keine Gefangenen.
Ivy: Nope.
Kindergärtnerin: Ihre DNA, oder?
Ivy: Jepp.
Kindergärtnerin: Na, herzlichen Glückwunsch.

Frühreif

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Auf dem Weg zum Kindergarten sagt das Fräuleinwunder plötzlich: “Ivy, guck mal, ein nackter Mann. Guck doch, guck.” und kichert fröhlich vor sich hin. Natürlich ist an ein Fortsetzen des Weges nicht zu denken, das blonde Kleinkind steht begeistert vor der Ladewand eines LKW eines Möbelherstellers auf dessen Werbeplakat der nicht wirklich übel anzuschauende Nackte posiert.

Es braucht eine kleine Weile des faszinierten Staunens und die Zwergin beginnt lebhaft über die Vor- und Nachteile eines Schrankes zu dem man(n) auf eine Leiter steigen muss zu philosophieren. Ausserdem scheint die Frage sie zu fesseln, wieso der arme Mann eigentlich nackt ist und so einen runden Popo hat. Ich ignoriere die indignierten Blicke anderer Kindergartenkinderbesitzerinnen und setze mich so ernsthaft wie es nur geht mit diesen wirklich wichtigen Fragen der Werbepsychologie auseinander.

So nett ich nackte Männer auch finde, in meinem gesetzten Alter ist das jetzt nicht mehr so spektakulär, das ich eine halbe Stunde im Kalten stehen müsste und ich bitte das Fräuleinwunder weiter zu gehen. Sie findet auch sie habe jetzt lange genug geguckt. Am 20 Meter entfernten Kindergarten angekommen,  nickt sie nachdenklich und sagt zum Abschied: “Weisst du Ivy, es ist ziemlich doof einen zu grossen Schrank zu haben, das ist keine gute Werbung. Aber der Nacktfrosch, der ist wirklich toll, den würde ich kaufen.”

Think Positive

Seit inzwischen mehr als 10 Tagen habe ich eine Mittelohrentzündung. So eine superfiese. Mit Antibiotikaversagen. Das ist jetzt kein Weltuntergang, aber es tut weh und nervt mich, weil ich auf dem linken Ohr nichts mehr höre. Ich hab gequengelt und gezickt. Und eigentlich mag ich das nicht an mir, Wehleidigkeit ist doch eher was für Männer. Also war es Zeit reichlich Ibuprofen einzuwerfen und die Sache mit meinem ureigenen positiven Fatalismus zu betrachten. Eigentlich bin ich kompatibilistische Deterministin, aber so ein Hauch von Schicksal hat dank Nietzsche und Capt. Jack Sparrow eine gewisse Anziehungskraft. Vor allem dank Capt. Jack Sparrow.  Ich schweife ab.bad-day

Das absolut Positive an dieser Mittelohrentzündung ist faszinierender Weise genau die Tatsache, die mich nervt. Diese Taubheit hat segensreiche Nebenwirkungen. So kann ich, wenn ich mich richtig herum hinsetze, in völliger Ruhe und konzentriert Texte über Alexander den Großen und die Schlacht  von Gaugamela lesen, während das Fräuleinwunder mit frenetischem Jubel in voller Lautstärke Spongebob schaut. Nicht das sich wirklich viele Menschen das eine oder das andere als erstrebenswerten Genuss vorstellen können, aber ich muss sagen, Alexander der Große und Spongebob hatten eine echt gute Woche miteinander.

Ein anderes Leckerli des deutlich gedämpften Hörens – ich kann stundenlang mit meiner Mum telefonieren, ohne mich auch nur einmal aufzuregen. Normalerweise bin ich nach geschätzten drei Minuten völlig entnervt, aber zur Zeit bin ich eine gute Tochter und benutze, sobald sie zu einem ihrer berüchtigten Monologe ansetzt, einfach das taube Ohr zum Telefonieren. Was ich nicht höre, macht mich nicht heiss und entspannt alle Beteiligten.

Es wird noch zwei Wochen dauern, bis ich links wieder was höre … und ich habe vor die Zeit zu geniessen. Es ist alles nur eine Frage der Einstellung.

Alone in the dark

Letzte Nacht war ich alleine, so ganz alleine. Also kein Kind, kein Mann, keine Frau, kein Hund, nicht mal meine Patienten um mich herum. Allein. So ganz wirklich. Es muss mindestens 10 Jahre her sein, dass ich wirklich nachts nicht nur alleine in meinem Bett geschlafen hab, sondern auch niemand in meiner Nähe war.

Ich hab die ganze Nacht das Licht angelassen.

Love’s Labour’s (almost) Lost

Gestern, als mir ein Gedicht wieder in den Sinn kam, habe ich mich auch an den einzigartigen Mann erinnert, der mir eine besondere Liebe zum Geschenk gemacht hat. Ich hatte es fast vergessen …

Er war mal wer, der alte, immer aufrecht sitzende Mann. Hatte mit seiner Intelligenz, Eloquenz und seinem Wissen die meisten Menschen überstrahlt.  Und es war ihm ständig bewusst, auch jetzt noch, in seinem kleinen Zwei-Zimmer-Appartement in der Seniorenverwahrung. Er war sich was schuldig. Er wollte sich nicht gehen lassen, war stets korrekt gekleidet, gut frisiert, er legte Wert darauf, alles selbst zu erledigen. Er umgab sich mit Büchern, las viel und schrieb noch mehr, selbst als Parkinson seine Hände leise erzittern liess. Er erlaubte es sich nicht unterzugehen in dem Sumpf aus seniler Tristesse die ihn umgab.

Es wurde meine Aufgabe seine von eitrigen Wunden durchzogenen Beine in der Nachtwache zu verbinden, keine der Tagschwestern konnte oder wollte es tun. Nicht nur weil es keine sehr angenehme Angelegenheit war, sondern insbesondere weil der alte Herr sich weigerte, wenigstens der pflegerischen Routine zuliebe, vor Ende der Spätschicht ins Bett zu gehen. Er war mal wer, er hatte noch etwas Leben zu leben und solange es nicht zu Ende war, würde er sich nicht wie ein Kind um 18 Uhr ins Bett scheuchen lassen.

Er sprach wochenlang nicht mit mir. Wenn ich am Ende meiner ersten Runde gegen 01.00 Uhr in sein Appartement kam, reichte er mir die Hand und erlaubte mir ihn zu seinem Bett zu begleiten. Nicht ich brachte ihn hin, er führte mich. Ich kam nie auf die Idee, sein Bett aufzuschlagen oder ihm bei der quälenden Prozedur des Schuheausziehens behilflich zu sein. Ich wartete still bis er fertig war, wechselte schweigend seine Verbände und ging ohne ein Wort des Dankes zu erwarten.

Eines Nachts sagte er als ich seine Beine versorgte: “Sie sind anders.” Und noch während ich überlegte, ob ich seine Stimme eigentlich schon jemals gehört hatte, sprach er weiter: “Sie haben kein Mitleid, Sie sind mitfühlend. Das macht Sie anders. Ist Ihnen bewusst, dass das einen Unterschied macht?” Der alte Mann, der mal wer war, und die Krankenschwester, die niemand war, hatten eine verbindliche Basis gefunden, denn sie kannte den Unterschied.

Unsere Nächte veränderten sich. Wir sprachen viel, nie über Krankheit, Schmerz, nur über das Leben. Ich schlich ab und zu in sein Appartement, rauchte heimlich an seinem Fenster, während wir über Moral, Sprache, Glauben und Liebe diskutierten. Eines Nachts bat er mich um etwas. Es war die einzige Bitte, die er je an mich richtete. Er bat mich zu bleiben, ihm meine Pausen ganz zu schenken und ihm vorzulesen. Er wollte mir die Schönheit einer Sprache zeigen, die er liebte und wieder die Stimme einer jungen Frau genießen. Er war mal wer und er war es noch. Er war unwiderstehlich.

Wir lasen Shakespeare. Und ich verliebte mich.